Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
ihre Augen, Ohren und anderen Organe schwächer werden und Arthritis ihre Gelenke lahmlegt. In einem Großteil der übrigen Welt einschließlich China und Japan ist die Lebenserwartung eher um 40 Jahre gestiegen. Selbst in Afrika, das von AIDS und Malaria heimgesucht wird, war die durchschnittliche Lebenserwartung 2008 um 20 Jahre höher als um 1900.
Der menschliche Körper hat sich in den letzten 100 Jahren stärker verändert als in den vorangegangenen 50 000, und die Menschen haben – insbesondere in reichen Ländern – gelernt, in ihn einzugreifen, um seine verbliebenen Mängel zu beheben. Europäer haben seit Beginn des 14. Jahrhunderts Brillen getragen, die sind nun längst über den ganzen Globus verbreitet. Ärzte haben neue Techniken entwickelt, um das Gehör zu erhalten, das Herz weiterschlagen zu lassen, abgetrennte Gliedmaßen wieder anzunähen und sogar in die Zellen einzugreifen. Öffentliche Gesundheitsvorsorge und, mehr noch, bessere sanitäre Verhältnisse haben die Pocken, Masern und andere Infektionskrankheiten als Ursache massenhaften Sterbens ausgerottet.
Abbildung 10.10 zeigt, unter welchen chronischen Krankheiten Veteranen der US-Armee litten. Sie vermittelt einen Eindruck davon, wie sehr sich die allgemeine Gesundheit verbessert hat. Veteranen mögen angesichts der Gewaltsamkeit ihres Berufs als Untersuchungsobjekt (und weil sie vornehmlich Männer sind) keinen idealen Ausschnitt der Menschheit darstellen, doch dank der besessenen |520| Dokumentationstätigkeit des Militärs ist keine Gruppe besser untersucht. Die Verbesserungen, die sich an ihr ablesen lassen, sind verblüffend.
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Abbildung 10.10: Sei alles, was du sein kannst
Die Gesundheit von Veteranen der US-Armee, 1919–1988.
Das Leben der Frauen hat sich sogar noch mehr verändert. Durch die gesamte Geschichte hindurch waren Frauen Gebärmaschinen gewesen. Weil die Hälfte ihrer Kinder im ersten Lebensjahr starb (die meisten davon tatsächlich bereits in der ersten Lebenswoche) und nur die Hälfte der überlebenden Nachkommen es bis zu ihrem 40. Geburtstag schafften, war es zur Aufrechterhaltung einer stabilen Bevölkerung (je Paar zwei erwachsene Nachkommen, die Mutter und Vater ersetzen) notwendig, dass eine Frau durchschnittlich etwa fünfmal niederkam und einen Großteil ihres Erwachsenenlebens als Schwangere und/oder Stillende verbrachte. Das 20. Jahrhundert indes hob diese von hoher Mortalität regierte Welt aus den Angeln.
Bereits vor der Wende zum 20. Jahrhundert gebaren besser genährte, stärkere Frauen kräftigere Babys, fütterten sie mehr und hielten sie sauberer. Die Kindersterblichkeit nahm ab, sodass die Bevölkerung explosionsartig wuchs – bis die Frauen ihre Fruchtbarkeit unter Kontrolle brachten. Die Menschen hatten zwar schon immer Mittel und Wege der Verhütung gefunden (der Legende nach gebrauchte Casanova im 18. Jahrhundert zu diesem Zweck Zitronenhälften), auch waren die Geburtenraten in den reichsten Ländern bereits um 1900 rückläufig, doch im 20. Jahrhundert nahmen sich Technik und Wissenschaft in den USA auch dieser Herausforderung an: 1920 kam das Latexkondom, 1960 die Antibabypille. |521| In den reichen Ländern fiel die Geburtenrate bald unter die Erhaltungsrate von zwei Kindern pro Paar.
Während gesündere Kinder und die Pille die Frauen vom lebenslangen Gebärzwang befreiten, enthob sie die Erfindung preisgünstiger Heizspiralen für Bügeleisen und Toaster und kleiner Elektromotoren für Waschmaschinen und Staubsauger der beschwerlichsten Schinderei im Haushalt. Ein Knopfdruck erledigte Aufgaben, die zuvor Stunden mühsamer Arbeit erfordert hatten. Frauenhände kamen noch immer nicht zur Ruhe, aber ab 1960 konnte eine Frau ins Auto springen (fast jede amerikanische Familie besaß eins), zum Supermarkt fahren (wo zwei Drittel der im Land produzierten Nahrungsmittel verkauft wurden), anschließend ihre Einkäufe im Kühlschrank deponieren (98 Prozent der Haushalte hatten einen) und die Waschmaschine einschalten, bevor ihre zwei oder drei Kinder von der Schule heimkamen und sich vor dem Fernseher niederließen.
Diese Veränderungen befreiten die Frauen für Tätigkeiten außerhalb des Heims. Und sie wurden dringend gebraucht. Der rasche Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft setzte Kolonnen klassischer Arbeiter frei und ließ den Bedarf an Angestellten im Tertiärsektor in die Höhe schießen. In den reichsten Ländern stieg nach 1960 der Anteil
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