Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
hielt eine brennende Laterne in der Hand. Es schien, daß er nicht hatte schlafen können und eine quälende Sorge ihn veranlaßt hatte, um diese Stunde das Bett zu verlassen. Jefimow schlief nicht und blickte den Eintretenden erstaunt an. Dieser stellte die Laterne hin und setzte sich in der größten Aufregung ihm gegenüber auf einen Stuhl.
„Jegor“, sagte er zu ihm, „warum hast du mich so gekränkt?“
Jefimow antwortete nicht. Der Gutsbesitzer wiederholte seine Frage, und eine tiefe Empfindung, ein seltsamer Kummer waren aus seinen Worten herauszuhören.
„Gott weiß, warum ich Sie so gekränkt habe, gnädiger Herr!“ antwortete mein Stiefvater endlich mit einer verzweifelten Handbewegung. „Der Böse selbst muß mich verlockt haben! Ich weiß selbst nicht, wer mich zu all solchen Dingen treibt! Ich konnte nicht mehr bei Ihnen bleiben; es war mir ganz unmöglich ... Der Teufel selbst muß mich umstrickt haben!“
„Jegor!“ begann der Gutsbesitzer von neuem; „kehre zu mir zurück; ich will alles vergessen, will dir alles verzeihen. Höre: du sollst der oberste meiner Musiker sein, und ich will dir ein weit besseres Gehalt zahlen als den andern...“
„Nein, gnädiger Herr, nein; sagen Sie nichts weiter; ich kann nicht bei Ihnen bleiben! Ich sage Ihnen: der Teufel muß mich umstrickt haben. Ich werde Ihnen das Haus anzünden, wenn ich bei Ihnen bleibe; es überkommt mich manchmal ein solcher Gram, daß ich am liebsten gar nicht geboren sein möchte! Ich kann jetzt nicht für mich selbst einstehen; lassen Sie mich schon gehen, gnädiger Herr! Das ist alles seit der Zeit, wo dieser Teufel mein Freund wurde...“
„Wer?“ fragte der Gutsbesitzer.
„Na, der Mensch, der wie ein Hund krepierte, von dem niemand mehr etwas wissen wollte, der Italiener.“
„Er ist es wohl gewesen, Jegor, der dich Geige spielen gelehrt hat?“
„Ja! Er hat mich vieles zu meinem Verderben gelehrt. Es wäre das Beste gewesen, wenn ich ihn nie gesehen hätte.“
„Er war wohl selbst ein Meister auf der Geige, lieber Jegor?“
„Nein, er selbst leistete nicht viel; aber er unterrichtete gut. Ich habe mich selbst gebildet; er gab mir nur die Anweisung. Wäre mir doch lieber die Hand verdorrt, als daß ich das gelernt hätte! Ich weiß jetzt selbst nicht, was ich will. Wenn Sie mich fragen, gnädiger Herr: ,Jegor was willst du? Ich kann dir alles geben’, dann kann ich Ihnen, gnädiger Herr, kein Wort darauf antworten, weil ich selbst nicht weiß, was ich will. Nein, ich sage noch einmal: lassen Sie mich lieber von Ihnen weggehen, gnädiger Herr! Ich richte sonst noch so etwas an, wofür man mich irgendwohin weit weg schickt; das wird das Ende vom Liede sein!“
„Jegor!“ sagte der Gutsbesitzer, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, „ich lasse dich so nicht weg. Wenn du nicht weiter bei mir angestellt sein willst, so geh; du bist ein freier Mann; ich kann dich nicht halten; aber ich werde jetzt nicht so ohne weiteres von dir gehen. Spiele mir etwas auf deiner Geige vor, Jegor; spiele mir etwas vor! Ich bitte dich inständig: spiele mir etwas vor! Ich befehle es dir nicht, versteh mich recht; ich nötige dich nicht; ich bitte dich mit Tränen: spiele mir das vor, lieber Jegor, was du dem Franzosen vorgespielt hast! Mach meinem Herzen diese Freude! Du bist hartnäckig, und ich bin auch hartnäckig; auch ich habe meinen Eigensinn, lieber Jegor! Ich kann dir nachfühlen; versetze auch du dich in meine Empfindungen! Ich mag nicht am Leben bleiben, wenn du mir nicht aus freiem Willen und gern das vorspielst, was du dem Franzosen vorgespielt hast.“
„Nun, so sei es denn!“ erwiderte Jefimow. „Ich habe mir allerdings zugeschworen, gnädiger Herr, nie vor Ihnen zu spielen, gerade vor Ihnen nicht; aber jetzt ist mein Herz umgestimmt. Ich werde es Ihnen vorspielen, aber nur zum ersten- und letztenmal, und weiterhin, gnädiger Herr, werden Sie mich nie und nirgends mehr spielen hören, und wenn Sie mir tausend Rubel böten.“
Dann griff er nach seiner Geige und begann eigene Variationen russischer Volkslieder zu spielen. B... hat mir gesagt, diese Variationen seien sein erstes und sein bestes Stück auf der Geige gewesen, und er habe nachher nie etwas anderes so gut und mit so tiefer Empfindung gespielt. Der Gutsbesitzer, der ohnehin, wenn er Musik hörte, leicht gerührt wurde, zerfloß in Tränen. Als das Spiel zu Ende war, erhob er sich von seinem Stuhle, zog dreihundert Rubel aus seiner Brieftasche,
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