Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
natürliche Folge dieser Selbstgefälligkeit ist.“
B... versuchte nun, seinem Kameraden, dem er sich ganz am Anfange so willig untergeordnet hatte, seinerseits Ratschläge zu geben, brachte ihn aber dadurch nur auf, ohne etwas zu erreichen. Es trat eine Abkühlung ihres gegenseitigen Verhältnisses ein. Bald bemerkte B..., daß sein Kamerad immer häufiger von Apathie, Mißmut und Verdrossenheit befallen wurde, daß die Perioden des Enthusiasmus immer seltener wurden, und daß auf all dies eine finstere, scheue Niedergeschlagenheit folgte. Schließlich begann Jefimow, seine Geige zu vernachlässigen, und rührte sie manchmal wochenlang nicht an. Nun war es bis zum völligen Zusammenbruch nicht mehr weit, und bald versank der Unglückliche in alle möglichen Laster. Wovor ihn der Gutsbesitzer gewarnt hatte, das trat nun doch ein: er ergab sich in maßloser Weise dem Branntwein. B... sah das mit Schrecken; seine Ratschläge blieben wirkungslos; zudem fürchtete er sich schon, ihm Vorhaltungen zu machen. Allmählich verlor Jefimow alles Anstandsgefühl: er schämte sich nicht, auf B...s Kosten zu leben, und benahm sich sogar so, als ob er darauf ein volles Recht hätte. Inzwischen begannen die Mittel zum Lebensunterhalte zu versiegen; B... schlug sich nur notdürftig durch, indem er Unterrichtsstunden gab oder für Geld auf Abendgesellschaften bei Kaufleuten, Deutschen und armen Beamten spielte, die dafür allerdings nur wenig, aber doch etwas bezahlten. Jefimow schien die Not seines Kameraden nicht bemerken zu wollen: er verkehrte mit ihm in mürrischer Manier und würdigte ihn ganze Wochen lang keines Wortes. Einmal sagte B... in mildester Form zu ihm, es würde doch gut sein, wenn er seine Geige nicht allzusehr vernachlässigte, um sein Instrument nicht ganz zu verlernen; da geriet Jefimow in heftigen Zorn und erklärte, nun werde er absichtlich seine Geige gar nicht mehr anrühren; er schien zu denken, es würde ihn jemand fußfällig darum bitten. Ein andermal brauchte B... für sein Spiel auf einer Abendgesellschaft einen Partner und forderte Jefimow dazu auf. Diese Aufforderung hatte bei Jefimow einen Ausbruch des Jähzorns zur Folge. Er erklärte wütend, er sei kein Straßenmusikant und werde nie so gemein sein wie B... und die edle Kunst dadurch herabwürdigen, daß er vor gemeinen Handwerkern spiele, die von seinem Spiele und von seinem Talente nichts verständen. B... entgegnete auf diese Worte nichts; aber als er weggegangen war, um zu spielen, dachte in seiner Abwesenheit Jefimow über die Aufforderung nach und kam zu der Vorstellung, dies sei alles nur eine versteckte Hindeutung darauf, daß er auf B...s Kosten lebe, und sein Kamerad wolle ihm zu verstehen geben, er solle doch ebenfalls versuchen, Geld zu verdienen. Als B... zurückkehrte, machte ihm Jefimow auf einmal Vorwürfe wegen seines gemeinen Benehmens und erklärte, er werde keinen Augenblick mehr mit ihm zusammen bleiben. Wirklich verschwand er für zwei Tage, ohne daß man gewußt hätte, wo er geblieben war; aber am dritten Tage erschien er wieder, als wenn nichts gewesen wäre, und setzte von neuem sein früheres Leben fort.
Nur die bisherige Gewohnheit und Freundschaft und dazu noch das Mitleid, das B... mit dem zugrunde gegangenen Menschen empfand, hielten ihn lange davon ab, dieser sinnlosen Lebensweise ein Ende zu machen und sich für immer von seinem Kameraden zu trennen. Endlich aber mußte dies doch geschehen. Dem strebsamen B... lächelte das Glück: es gelang ihm, sich eine gute Protektion zu erwerben und ein glänzendes Konzert zu geben. Zu dieser Zeit war er bereits ein ausgezeichneter Künstler, und seine schnell wachsende Berühmtheit verschaffte ihm bald eine Stelle im Orchester der Oper, wo er dann in kurzer Zeit zu wohlverdientem Erfolge gelangte. Beim Abschiede gab er seinem bisherigen Kameraden Geld und bat ihn unter Tränen, auf den rechten Weg zurückzukehren. B... kann auch jetzt an ihn nicht ohne ein Gefühl der Rührung zurückdenken. Die Bekanntschaft mit Jefimow bildete einen der tiefsten Eindrücke aus seiner Jugendzeit. Sie hatten ihre Laufbahn zusammen begonnen, sich mit warmer Empfindung aneinander angeschlossen, und sogar Jefimows sonderbares Wesen und seine groben, schroff hervortretenden Mängel trugen dazu bei, B.... noch fester an ihn zu knüpfen. B... verstand ihn, durchschaute ihn vollkommen und sah voraus, wie das alles enden werde. Beim Abschiede umarmten sie einander und weinten beide. Unter Tränen
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