Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
reichte sie meinem Stiefvater und sagte:
„Jetzt geh weg, Jegor! Ich werde dich hinauslassen und selbst alles mit dem Grafen in Ordnung bringen. Aber höre: sorge dafür, daß du mir nicht wieder begegnest! Die ganze Welt steht dir offen; aber wenn du wieder mit mir zusammentriffst, so wird das sowohl für mich als auch für dich peinlich sein. Nun leb wohl! ... Warte noch einen Augenblick; ich will dir noch einen Rat mit auf den Weg geben, nur einen: trinke nicht und bilde dich weiter, bilde dich immer weiter; werde nicht hochmütig! Ich rede zu dir, wie wenn dein leiblicher Vater mit dir spräche. Merk wohl auf, ich wiederhole es noch einmal: bilde dich weiter, und bleib dem Schnapsglase fern; wenn du dich einmal vor Kummer betrinkst (und Kummer wirst du viel haben!), dann ist alles verloren, dann geht alles zum Teufel, und du krepierst vielleicht selbst irgendwo in einem Graben wie dein Italiener. Nun, jetzt lebe wohl! ... Halt, küsse mich!“
Sie küßten sich, und darauf ging mein Stiefvater hinaus und war frei.
Kaum befand er sich in Freiheit, als er sogleich damit begann, in der nächsten Kreisstadt seine dreihundert Rubel zu verprassen, indem er gleichzeitig mit einer ganz unwürdigen, unsauberen Gesellschaft von Lotterbuben Freundschaft schloß; die Sache endete damit, daß er in völliger Armut ohne jede Hilfe allein blieb und sich genötigt sah, in das klägliche Orchester eines wandernden Provinzialtheaters als erster und wohl einziger Geiger einzutreten. All das stimmte ganz und gar nicht zu seiner ursprünglichen Absicht, möglichst bald nach Petersburg zu gehen, um dort weiter zu lernen, sich eine gute Stelle zu verschaffen und sich zu einem wirklichen Künstler auszubilden. Aber die Tätigkeit an dem kleinen Orchester konnte ihm nicht zusagen; mein Stiefvater zankte sich bald mit dem Direktor der Wandertruppe und sagte sich von ihm los. Da verlor er vollständig den Mut und entschloß sich sogar zu einem verzweifelten Mittel, das seinen Stolz tief verwundete. Er schrieb einen Brief an den ihm bekannten Gutsbesitzer, stellte ihm seine Lage vor und bat um Geld. Der Brief war in ziemlich selbstbewußtem Tone geschrieben; es erfolgte aber auf ihn keine Antwort. Da schrieb er einen zweiten Brief, in welchem er in den demütigsten Ausdrücken den Gutsbesitzer seinen Wohltäter nannte, ihn als einen wahren Kenner der Kunst bezeichnete und ihn wieder um eine Unterstützung bat. Endlich kam eine Antwort. Der Gutsbesitzer schickte ihm hundert Rubel und einige von der Hand seines Kammerdieners geschriebene Zeilen, in denen er ihn ersuchte, ihn künftig mit allen Bittgesuchen zu verschonen. Als mein Stiefvater dieses Geld erhalten hatte, wollte er sich sogleich nach Petersburg begeben; aber nach Bezahlung seiner Schulden behielt er nur noch so wenig Geld übrig, daß an eine solche Reise gar nicht zu denken war. Er blieb weiter in der Provinz, trat wieder in ein Provinzialorchester ein, konnte sich da wieder nicht einleben, ging auf diese Weise aus einer Stelle in die andere, mit der ihm stets vorschwebenden Idee, auf irgendeine Weise in Bälde nach Petersburg zu kommen, und verlebte so in der Provinz ganze sechs Jahre. Schließlich bekam er es mit der Angst. Zu seiner Verzweiflung bemerkte er, wie sehr sein Talent unter der fortwährenden Einwirkung des unordentlichen, bettelhaften Lebens zurückgegangen war, und eines Morgens ließ er seinen Direktor sitzen, nahm seine Geige und ging, beinahe sich durchbettelnd, nach Petersburg. Er mietete sich irgendwo in einer Dachkammer ein, und hier war es, wo er zum ersten Male mit B... zusammentraf, der soeben aus Deutschland gekommen war und ebenfalls den Plan hegte, sich eine Laufbahn zu schaffen. Sie wurden bald Freunde, und B... gedenkt noch jetzt dieser Bekanntschaft mit tiefer Empfindung. Beide waren jung, beide von gleichen Hoffnungen erfüllt, beide strebten nach ein und demselben Ziele. Aber B... stand noch in der ersten Jugend; er hatte noch wenig Armut und Kummer zu ertragen gehabt; und überdies war er vor allen Dingen ein Deutscher und trachtete nach seinem Ziele hartnäckig, methodisch, im vollständigen Bewußtsein seiner Kräfte; ja, er rechnete beinah im voraus aus, was aus ihm einmal werden würde. Sein Kamerad dagegen war schon dreißig Jahre alt, war müde und matt geworden, hatte alle Geduld verloren und seine erste, gesunde Spannkraft eingebüßt, da er sich genötigt gesehen hatte, sechs Jahre lang um des täglichen Brotes willen ein
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