Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
Violinbogen in die Hand nehmen sollst, wirst du feige. Du bist ehrgeizig und besitzt dabei doch wenig Tapferkeit. Sei nur tapfer, warte mit Geduld, lerne weiter, und wenn du deinen Kräften nicht vertrauen willst, so geh auf gut Glück vorwärts: in dir steckt ja Feuer und Gefühl! Vielleicht wirst du zum Ziele gelangen; und wenn dir das nicht gleich gelingt, so versuche es auf dieselbe Weise noch einmal; verlieren kannst du dabei in keinem Falle etwas, der Gewinn aber ist sehr groß. Dieses ,Auf gut Glück’, Bruder, ist wirklich eine schöne Sache!“
Jefimow hörte mit tiefer Empfindung an, was sein bisheriger Kamerad sagte. Aber je länger dieser redete, um so mehr wich die Blässe von den Wangen des Zuhörers; sie bekamen wieder eine lebendige rote Farbe; seine Augen blitzten kühn und hoffnungsvoll in ungewöhnlichem Feuer. Bald ging diese edle Kühnheit in Selbstbewußtsein über, dann in seine gewöhnliche Dreistigkeit, und schließlich, als B... mit seiner Ermahnung nahezu am Ende war, hörte Jefimow nur noch zerstreut und ungeduldig zu. Indessen drückte er ihm warm die Hand, dankte ihm, und wie er denn überhaupt oft schnell von tiefster Selbstverachtung und Niedergeschlagenheit zu größter Dünkelhaftigkeit und Dreistigkeit überging, erwiderte er hochmütig, sein Freund möge sich um ihn keine Sorge machen; er wisse schon, wie er sich sein Leben zimmern solle; er hoffe ebenfalls bald eine gute Protektion zu erlangen, ein Konzert zu geben und dann gleichzeitig Ruhm und Geld zu erwerben. B... zuckte die Achseln, widersprach aber seinem bisherigen Kameraden nicht, und sie trennten sich, wiewohl natürlich nicht auf lange. Jefimow vergeudete das ihm geschenkte Geld baldigst und kam wieder, um sich zum zweitenmal welches geben zu lassen, und dann zum vierten-, zum zehntenmal; endlich verlor B... die Geduld und ließ sich verleugnen. Von da an verlor er ihn vollständig aus dem Gesichte.
Es waren einige Jahre vergangen. Als B... einmal von einer Probe nach Hause ging, stieß er in einer Seitenstraße am Eingange einer schmutzigen Kneipe mit einem schlechtgekleideten, betrunkenen Menschen zusammen, der ihn bei seinem Namen rief. Es war Jefimow. Er hatte sich sehr verändert; sein Gesicht sah gelblich und aufgedunsen aus; es war deutlich, daß das liederliche Leben ihm seinen unauslöschbaren Stempel aufgeprägt hatte. B... freute sich außerordentlich und folgte ihm, ehe sie noch zwei Worte miteinander gesprochen hatten, in das Lokal, wo ihn der andere hineinzog. Dort, in einem kleinen, separaten, verräucherten Zimmer, betrachtete er seinen Kameraden näher. Die Kleider desselben waren fast Lumpen, seine Stiefel zerrissen, das zerknitterte Vorhemd ganz mit Branntwein begossen. Sein Kopfhaar fing schon an zu ergrauen und dünner zu werden.
„Wie geht es dir? Wo wohnst du jetzt?“ fragte B....
Jefimow wurde verlegen und benahm sich sogar am Anfang ganz blöde; er gab unzusammenhängende, abgebrochene Antworten, so daß B... einen Irrsinnigen vor sich zu haben glaubte. Endlich gestand Jefimow, daß er nicht reden könne, wenn er nicht Branntwein zu trinken bekomme, und daß er in diesem Lokal schon lange keinen Kredit mehr habe. Als er das sagte, errötete er, wiewohl er den Versuch machte, sich selbst durch eine forsche Gebärde zu ermutigen; aber dies kam frech, gekünstelt und zudringlich heraus, so daß alles einen sehr kläglichen Eindruck machte und das aufrichtige Mitleid des gutherzigen B... erweckte, welcher sah, daß seine Befürchtung sich vollständig bewahrheitet hatte. Indes ließ er Branntwein bringen. Jefimows Gesicht strahlte von Dankbarkeit, und er vergaß sich so weit, daß er seinem Wohltäter mit Tränen in den Augen die Hände küssen wollte. Beim Mittagessen erfuhr B... zu seiner höchsten Verwunderung, daß der Unglückliche verheiratet sei. Aber noch mehr erstaunte er, als er vernahm, daß seine Frau die ganze Ursache seines Unglücks und seines Kummers sei, und daß die Heirat seinem Talente vollends den Garaus gemacht habe.
„Wie ist das zugegangen?“ fragte B...
„Schon seit zwei Jahren, lieber Freund, habe ich die Geige nicht in die Hand genommen“, antwortete Jefimow. „Meine Frau ist eine Köchin, ein ungebildetes, grobes Weib. Hol sie dieser und jener! Wir tun weiter nichts als uns herumzanken.“
„Aber warum hast du sie denn dann geheiratet?“
„Ich hatte nichts zu essen. Ich war mit ihr bekannt geworden; sie besaß ungefähr tausend Rubel: da heiratete ich
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