Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
das Zimmer, in dem ich mich befand, hereinblickte und wieder wegging, ohne ein Wort zu mir gesagt zu haben. Eine solche auf mich gerichtete Aufmerksamkeit setzte mich in Verwunderung und beunruhigte mich zum Teil. Ich vermochte nicht zu verstehen, warum das geschah. Es schien mir immer, daß man mich für irgendwelchen Zweck aufbewahre und dann mit mir irgend etwas vornehmen wolle. Ich erinnere mich, daß ich meine Streifzüge immer weiter ausdehnte, um im Falle der Not zu wissen, wo ich mich verbergen könnte.
Einmal geriet ich dabei auf die Haupttreppe. Sie war ganz von Marmor, breit, mit Teppichen belegt und mit Blumen und schönen Vasen besetzt. Auf jedem Absatz saßen schweigend zwei hochgewachsene Männer, in sehr bunter Kleidung, mit Handschuhen und sehr weißen Halstüchern. Ich betrachtete sie erstaunt und konnte schlechterdings nicht daraus klug werden, wozu sie da saßen, schwiegen und nur einander ansahen, ohne das geringste zu tun.
Diese einsamen Spaziergänge gefielen mir mehr und mehr. Außerdem aber gab es noch einen anderen Grund, weswegen ich mich von oben wegflüchtete. Oben wohnte eine alte Tante des Fürsten, die fast nie ausging oder ausfuhr. Das Bild dieser alten Dame hat sich meinem Gedächtnisse fest eingeprägt. Sie war beinah die wichtigste Person im Hause. Im Umgange mit ihr beobachteten alle eine Art von feierlicher Etikette, und sogar die Fürstin selbst, die so stolz und gebieterisch aussah, mußte zweimal in der Woche an bestimmten Tagen nach oben gehen und der Tante einen persönlichen Besuch abstatten. Sie ging gewöhnlich am Vormittag hin; es entspann sich ein trockenes Gespräch, oft unterbrochen von einem feierlichen Stillschweigen, währenddessen die alte Dame entweder Gebete flüsterte oder den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten ließ. Der Besuch endete nicht eher, bis es nicht die Tante selbst wünschte, die sich dann von ihrem Platze erhob, die Fürstin auf die Lippen küßte und damit das Zeichen gab, daß das Zusammensein beendet war. Ursprünglich hatte die Fürstin ihrer Verwandten täglich einen Besuch machen müssen; aber später war auf Wunsch der alten Dame eine Erleichterung eingetreten, und die Fürstin war nun nur verpflichtet, an den übrigen fünf Tagen der Woche jeden Morgen hinzuschicken und sich nach ihrem Befinden erkundigen zu lassen. Überhaupt führte die hochbetagte Prinzessin ein fast klösterliches Leben. Sie war unverheiratet geblieben und im Alter von fünfunddreißig Jahren in ein Kloster getreten, wo sie siebzehn Jahre lang gelebt hatte, ohne jedoch den Schleier zu nehmen; dann hatte sie das Kloster verlassen und war nach Moskau gezogen, um dort mit ihrer Schwester, der verwitweten Gräfin L..., zusammenzuwohnen, deren Gesundheitszustand sich von Jahr zu Jahr verschlechterte, und um sich mit ihrer zweiten Schwester, ebenfalls einer Prinzessin Ch...aja zu versöhnen, mit der sie über zwanzig Jahre verfeindet gewesen war. Aber man sagt, die drei alten Damen hätten auch nicht einen Tag einträchtig verbracht; wohl tausendmal hätten sie auseinanderziehen wollen, dies aber doch nicht zur Ausführung bringen können, weil sie schließlich bemerkt hätten, daß jede von ihnen den beiden andern unentbehrlich sei, um die Langeweile fernzuhalten und die Beschwerden des Alters erträglich zu machen. Aber obgleich ihre Lebensweise wenig Anziehendes hatte und in ihrem Moskauer Palais eine feierliche Langeweile herrschte, hielt es doch die ganze Stadt für ihre Pflicht, ihre Besuche bei den drei Einsiedlerinnen nicht abzubrechen. Man betrachtete sie als die Bewahrerinnen aller aristokratischen Sitten und Traditionen, als eine lebendige Chronik des echten Bojarentums; auch war die Gräfin wirklich eine vortreffliche Frau und hinterließ nach ihrem Tode ein sehr gutes Andenken. Jeder, der nach Petersburg kam, machte zuerst den drei Damen seinen Besuch. Wer in ihrem Hause empfangen wurde, wurde überall empfangen. Aber die Gräfin starb, und die beiden überlebenden Schwestern trennten sich: die ältere Prinzessin Ch...aja blieb in Moskau und trat dort die Erbschaft der kinderlos verstorbenen Gräfin an, soweit sie ihr zugefallen war; die jüngere aber, die ehemalige Klosterdame, zog zu ihrem Neffen, dem Fürsten Ch...i, nach Petersburg. Dafür blieben die beiden Kinder des Fürsten, nämlich Prinzessin Katja und Alexander, in Moskau bei der Großtante zu Besuch wohnen, um diese zu zerstreuen und in ihrer Einsamkeit zu trösten. Die Fürstin, die ihre Kinder
Weitere Kostenlose Bücher