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Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
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leidenschaftlich liebte, wagte doch kein Wort dagegen zu sagen und mußte sich von ihnen für die ganze Zeit der festgesetzten Trauer trennen. Ich habe vergessen zu sagen, daß die Trauer in dem ganzen Hause des Fürsten noch fortdauerte, als ich dorthin kam; aber der Endtermin stand nahe bevor.
    Die alte Prinzessin trug ganz schwarze Kleidung, und zwar immer ein Kleid aus einfachem Wollenstoff, dazu gestärkte, kleingefältelte, weiße Krägelchen, die ihr das Aussehen einer Hospitalitin gaben. Sie ließ ihren Rosenkranz nie aus der Hand, fuhr feierlich zur Messe, fastete ganze Tage lang, empfing Besuche von allerlei Geistlichen und gesetzten Personen, las fromme Bücher und führte überhaupt ein wahres Nonnenleben. Es herrschte oben eine furchtbare Stille; es konnte keine Tür knarren, ohne daß die Alte, die so sensibel war wie ein fünfzehnjähriges Mädchen, sofort hingeschickt hätte, um nach der Ursache des Geräusches nachforschen zu lassen. Alle sprachen im Flüstertone, alle gingen auf den Zehen, und die arme, ebenfalls schon bejahrte Französin sah sich schließlich genötigt, auf das Schuhzeug, das sie so gern trug, nämlich Schuhe mit Absätzen, zu verzichten. Die Absätze wurden beseitigt. Zwei Wochen nach meinem Erscheinen ließ sich die alte Prinzessin nach mir erkundigen: wer ich sei, was ich hier solle, wie ich ins Haus gekommen sei usw. Es wurde ihr sofort respektvoll Auskunft gegeben. Dann kam ein zweiter Abgesandter von ihr zu der Französin mit der Anfrage, warum die Prinzessin mich noch nicht zu sehen bekommen habe. Sogleich begann ein hastiges Treiben: man kämmte mir das Haar, wusch mir Gesicht und Hände, die ohnedies ganz sauber waren, und unterwies mich, wie ich herantreten, mich verbeugen, ein heiteres, freundliches Gesicht machen und reden solle; kurz, man verängstigte mich ganz. Darauf wurde nunmehr von unserer Seite eine Botin abgeschickt mit der Frage, ob die Prinzessin die Waise jetzt gleich zu sehen wünsche. Es erfolgte eine verneinende Antwort; aber es wurde ein anderer Zeitpunkt dafür bestimmt: am nächsten Tage nach der Messe. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, und man erzählte mir nachher, ich hätte die ganze Nacht phantasiert, als sei ich zu der Prinzessin herangetreten und bäte sie für etwas um Verzeihung. Endlich fand meine Vorstellung statt. Ich erblickte eine kleine, magere alte Frau, die in einem riesigen Lehnstuhl saß. Sie nickte mir zu und setzte sich die Brille auf, um mich besser sehen zu können. Ich erinnere mich, daß ich ihr gar nicht gefiel. Sie merkte, daß ich ganz unzivilisiert war und weder mich hinzusetzen noch die Hand zu küssen verstand. Nun begannen die Fragen, und ich antwortete darauf nur sehr notdürftig; aber als die Rede auf meinen Vater und auf meine Mutter kam, fing ich an zu weinen. Der alten Dame war es sehr unangenehm, daß ich mich so gefühlvoll zeigte; indessen suchte sie mich zu trösten und hieß mich, meine Hoffnung auf Gott setzen; dann fragte sie, wann ich zum letztenmal in der Kirche gewesen sei, und als ich ihre Frage kaum verstand, weil meine religiöse Erziehung sehr vernachlässigt worden war, so geriet die Prinzessin in Entsetzen. Sie ließ die Fürstin zu sich bitten. Es fand eine Beratung statt, und es wurde beschlossen, mich gleich am nächsten Sonntag in die Kirche zu führen. Bis dahin versprach die Prinzessin, für mich zu beten; aber sie gab Befehl mich wegzuführen, da ich, wie sie sich ausdrückte, ihr einen gar zu peinlichen Eindruck mache. Das war nicht wunderbar, sondern mußte vielmehr so sein. Aber es war klar, daß ich ihr gar nicht gefallen hatte; denn noch an demselben Tage ließ sie sagen, ich sei zu wild, man höre mich durch das ganze Haus, während ich doch den ganzen Tag stillgesessen und mich nicht gerührt hatte; offenbar war es bei der alten Dame nur eine Einbildung. Aber auch am nächsten Tage erfolgte eine Bemerkung gleichen Inhalts. Unglücklicherweise fiel mir um diese Zeit eine Tasse hin und zerbrach. Die Französin und alle Dienstmädchen gerieten in Verzweiflung und quartierten mich sofort in das entlegenste Zimmer um, wohin mich alle in größter Angst begleiteten.
    Ich weiß nicht mehr, wie diese Sache dann endete. Aber dies war der Grund, weshalb ich so gern nach unten ging und allein in den großen Zimmern umherschweifte, da ich wußte, daß ich dort niemanden störte.
    Ich erinnere mich , daß ich einmal unten in einem Saale saß. Ich hatte das Gesicht in den Händen verborgen,

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