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Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
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hielt den Kopf gesenkt und saß so, ich erinnere mich nicht wie viele Stunden. Ich war ganz in Gedanken versunken; mein noch nicht gereifter Geist vermochte nicht über all mein Weh ins klare zu kommen, und es wurde mir immer beklommener und trübseliger zumute. Plötzlich hörte ich über meinem Kopfe eine leise Stimme:
    „Was fehlt dir, mein armes Kind?“
    Ich hob den Kopf in die Höhe: es war der Fürst; sein Gesicht drückte tiefe Teilnahme und inniges Mitleid aus; aber ich blickte ihn mit so niedergeschlagener, unglücklicher Miene an, daß ihm die Tränen in die großen, blauen Augen traten.
    „Du arme Waise!“ sagte er, indem er mir den Kopf streichelte.
    „Nein, nein, nicht Waise! Nein!“ rief ich; ein Stöhnen entrang sich meiner Brust, und alles in meinem Innern stieg in die Höhe und geriet in Wallung. Ich erhob mich, ergriff seine Hand, küßte sie, benetzte sie mit Tränen und wiederholte in flehendem Tone: „Nein, nein, nicht Waise! Nein!“
    „Mein Kind ... was ist dir, meine liebe, arme Netotschka? Was ist dir?“
    „Wo ist meine Mama? Wo ist meine Mama?“ rief ich, und nicht imstande, meinen Kummer länger zu verbergen, schluchzte ich laut auf und fiel kraftlos vor ihm auf die Knie. „Wo ist meine Mama? Liebster Herr, sagen Sie mir: wo ist meine Mama?“
    „Verzeih mir, mein Kind! ... Ach, du Arme, ich habe dich wieder daran erinnert ... Was habe ich angerichtet! Komm, komm mit, Netotschka, komm mit mir!“
    Er ergriff mich bei der Hand und zog mich schnell hinter sich her. Er war in tiefster Seele erschüttert. Endlich gelangten wir in ein Zimmer, das ich noch nie gesehen hatte.
    Dies war die Hauskapelle. Hier herrschte Dämmerung. Die Flammen der Lämpchen spiegelten sich hell in den goldenen Verzierungen und kostbaren Edelsteinen der Heiligenbilder. Aus den glänzenden Rahmen schauten die Gestalten der Heiligen düster heraus. Alles war hier so ganz anders als in den übrigen Zimmern, so geheimnisvoll und ernst, daß ich ganz verwirrt wurde und eine Art Angst sich meines Herzens bemächtigte. Zudem war ich schon ohnehin in einem so krankhaften Zustande! Eilig forderte mich der Fürst auf, vor dem Bilde der Muttergottes niederzuknien, und trat selbst neben mich...
    „Bete, mein Kind, bete; wir wollen beide beten!“ sagte er abgebrochen mit leiser Stimme.
    Aber ich konnte nicht beten; ich war ganz verwirrt, sogar erschrocken; ich mußte an die Worte meines Vaters in jener letzten Nacht bei der Leiche meiner Mutter denken und bekam einen Nervenanfall. Ich wurde ins Bett gebracht, und in dieser zweiten Periode meiner Krankheit wäre ich beinah gestorben. Der Vorgang war folgender.
    Eines Morgens schlug ein bekannter Name an mein Ohr: ich hörte den Namen S...z. Einer von den Hausgenossen sprach ihn an meinem Bette aus. Ich fuhr zusammen; die Erinnerungen stürmten auf mich ein; zurückdenkend und mich qualvollen Träumereien überlassend lag ich, ich weiß nicht wie viele Stunden, in vollständigem Fieber. Als ich erwachte, war es schon sehr spät; um mich herum war es dunkel; die Nachtlampe war ausgegangen und das Mädchen, das sonst in meinem Zimmer saß, nicht anwesend. Auf einmal hörte ich die Töne einer fernen Musik. Bald verstummten sie gänzlich, bald klangen sie lauter und lauter, wie wenn sie näher kämen. Ich erinnere mich nicht, was für ein Gefühl sich meiner bemächtigte, was für eine Absicht sich plötzlich in meinem kranken Kopfe bildete. Ich stand vom Bette auf (ich weiß nicht, wo ich die Kraft dazu hernahm), zog schnell mein Trauerkleid an und verließ tastend das Zimmer. Weder im zweiten noch im dritten Zimmer begegnete ich einer Menschenseele. Endlich gelangte ich auf den Korridor. Die Töne wurden immer deutlicher hörbar. In der Mitte des Korridors befand sich eine Treppe, die nach unten führte; auf diesem Wege ging ich immer in die großen Zimmer hinunter. Die Treppe war hell erleuchtet; unten gingen Menschen; ich verbarg mich in einem Winkel, um nicht gesehen zu werden, und sobald es möglich war, ging ich hinunter nach dem andern Korridor. Die Musik ertönte aus dem anstoßenden Saale; dort war ein Geräusch und ein Stimmengewirr, als ob Tausende von Menschen versammelt wären. Eine der Saaltüren, die direkt aus dem Korridor hineinführte, war mit gewaltigen, doppelten Portieren aus rotem Samt verhängt. Ich hob die erste von ihnen auf und stand zwischen den beiden Vorhängen. Mein Herz klopfte so stark, daß ich kaum auf den Beinen stehen konnte. Aber

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