Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
Vom Netzwerk:
konnte ich das Bett verlassen, obgleich ich immer noch sehr schwach und matt war. Mein erster Gedanke war: nun wollte ich mich nie mehr von Katja trennen. Ich fühlte mich unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Ich konnte mich an ihr gar nicht satt sehen, und das versetzte Katja in Erstaunen. Meine Zuneigung zu ihr war so stark und ich überließ mich diesem neuen Gefühle mit solcher Inbrunst, daß es ihr nicht entgehen konnte, und anfangs erschien ihr das als eine unerhörte Sonderbarkeit. Ich erinnere mich, daß ich einmal, während wir zusammen spielten, mich nicht mehr beherrschen konnte, ihr um den Hals fiel und anfing, sie zu küssen. Sie befreite sich aus meiner Umarmung, ergriff mich bei den Armen und fragte mich mit zusammengezogenen Augenbrauen, wie wenn ich sie durch irgend etwas gekränkt hätte:
    „Was hast du? Warum küßt du mich?“
    Ich wurde verwirrt, wie wenn ich mir einer Schuld bewußt gewesen wäre, fuhr bei ihrer schnellen Frage zusammen und vermochte keine Silbe zu antworten; die Prinzessin zuckte zum Zeichen verständnisloser Verwunderung mit den Schultern (eine Geste, die ihr zur Gewohnheit geworden war), preßte mit sehr ernster Miene ihre vollen Lippen zusammen, brach das Spiel ab und setzte sich in eine Sofaecke, von wo aus sie mich sehr lange betrachtete; sie schien über etwas nachzudenken, wie wenn sie über eine neue, plötzlich in ihrem Geiste aufgetauchte Frage ins klare zu kommen suchte. Auch dies war in allen schwierigen Fällen ihre Gewohnheit. Ich meinerseits konnte mich sehr lange an dieses scharfe, schroffe Benehmen, das in ihrem Charakter lag, nicht gewöhnen.
    Anfangs suchte ich die Schuld in mir selbst und dachte, daß ich wirklich viel Sonderbares an mir hätte. Aber obgleich dies richtig war, quälte ich mich doch mit der Rätselfrage, warum es mir nicht gelinge, gleich von vornherein mit Katja Freundschaft zu schließen und mir ihr Wohlwollen ein für allemal zu erwerben. Meine Mißerfolge waren mir kränkend und schmerzlich, und jedes rasche Wort, jeder mißtrauische Blick Katjas brachte mich beinah zum Weinen. Aber mein Kummer wuchs nicht von Tag zu Tag, sondern von Stunde zu Stunde, weil bei Katja alles in sehr schnellem Tempo vor sich ging. Nach einigen Tagen bemerkte ich, daß sie mich ganz und gar nicht liebgewonnen, sondern sogar einen Widerwillen gegen mich zu empfinden angefangen hatte. Dieses kleine Mädchen handelte in allen Dingen rasch und schroff, mancher würde vielleicht sagen derb, wenn nicht in diesen blitzschnellen Äußerungen eines wahrheitsliebenden, naiv-aufrichtigen Charakters eine echte, vornehme Anmut gelegen hätte. Es fing damit an, daß sie an meinem persönlichen Werte zu zweifeln begann; dann verachtete sie mich geradezu, wobei wohl der erste Grund der war, daß ich mich schlechterdings auf kein einziges Spiel verstand. Die Prinzessin liebte es umherzutollen, zu laufen; sie war kräftig, lebhaft und geschickt; ich war in allen Stücken das Gegenteil. Ich war noch von der Krankheit her schwach, still und schwermütig; das Spielen machte mir keine Freude; kurz, es fehlten mir entschieden alle Fähigkeiten, um Katja zu gefallen. Außerdem konnte ich es nicht ertragen, wenn jemand aus irgendwelchem Grunde mit mir unzufrieden war: dann wurde ich sofort traurig und mutlos, so daß ich nicht mehr die Kraft hatte, meinen Fehler wieder gutzumachen und den von mir gemachten unvorteilhaften Eindruck zu meinen Gunsten zu verändern. Dafür hatte nun Katja absolut kein Verständnis. Anfangs bekam sie sogar über mich einen Schreck und sah mich nach ihrer Gewohnheit erstaunt an, wenn sie sich z.B. eine ganze Stunde lang mit mir abgemüht hatte, um mir zu zeigen, wie man Federball spielt, und dabei nichts hatte erreichen können. Da ich aber immer sogleich traurig wurde, so daß mir die Tränen aus den Augen stürzen wollten, so wandte sie sich schließlich, nachdem sie ein paarmal über mich erfolglos nachgedacht hatte, ganz von mir ab und spielte für sich allein, ohne mich weiter aufzufordern; ja, sie sprach sogar ganze Tage lang kein Wort mit mir. Ich war darüber sehr bestürzt und konnte eine solche Geringschätzung von ihrer Seite kaum ertragen. Die neue Vereinsamung wurde mir fast noch drückender als die frühere, und ich fing wieder an traurig und schwermütig zu sein, und schwarze Gedanken erfüllten wieder mein Herz.
    Madame Léotard, die uns beaufsichtigte, bemerkte endlich die Veränderung, die in unserem Verhältnis zueinander eingetreten

Weitere Kostenlose Bücher