Zähl nicht die Stunden
Hand von seiner Brust zu seinem straffen , glatten Bauch hinunterwanderte und von dort zu seinen kräftigen Schenkeln.
Irgendwo neben ihrem Kopf läutete das Telefon. Ohne die Augen zu
öffnen, griff sie nach dem Apparat auf dem Nachttisch.
»Hallo?«
»Hier ist Stephanie. Habe ich dich geweckt?«
Mattie zwang sich, die Augen zu öffnen , setzte sich aufrecht und schwang die Beine zum Boden hinunter. »Nein , natürlich nicht. Wie geht’s dir?« Sie sah die Freundin vor sich: kurzes , hell gesträhntes Haar , braune Augen , runde Wangen , die zu ihrem molligen Körper passten.
»Wie geht’s dir ?Du klingst ein bisschen müde.«
»Ach was , mir geht’s gut , Steph« , sagte Mattie mit nur einem leisen Anflug von Ungeduld.
Seit sie ihren Freundinnen von ihrer Krankheit erzählt hatte ,
überschütteten diese sie mit Hilfsangeboten und Fürsorge, erboten sich, sie zu ihren Terminen zu fahren, für sie einzukaufen, Besorgungen in der Stadt für sie zu erledigen, kurz, sie überschlugen sich vor
Hilfsbereitschaft.
Und waren damit hauptsächlich lästig, dachte Mattie und wechselte
den Hörer von einer Hand in die andere. Sie lauerten. Wie die Katze auf die Maus.
»Was gibt’s denn?«, fragte sie.
»Habt ihr beide nicht Lust, morgen Abend mit Enoch und mir essen
zu gehen? Wir wollen zu Fellini, drüben in der East Hubbard Street. Das hat in der letzten Wochenendausgabe eine erstklassige Kritik
bekommen.« Stephanie kicherte. Sie hörte sich an wie eine ihrer
zehnjährigen Zwillingstöchter. Enoch Porter war vor sechs Monaten in Stephanies Leben getreten, beinahe auf den Tag genau drei Jahre,
nachdem ihr Ex-Mann das gemeinsame Konto abgeräumt und sich mit
der Babysitterin nach Tahiti abgesetzt hatte. Enoch war Stephanies Rache — zehn Jahre jünger als sie, hoch gewachsen, toll gebaut und kohlrabenschwarz.
»Klingt gut«, sagte Mattie. »Wir sind am Spätnachmittag in einer
Ausstellung in der Pende Galerie, wenn ihr Lust habt, dahin zu
kommen.« »Ich glaube , Kunst ist nicht unbedingt Enochs Ding« , sagte Stephanie und kicherte wieder. »Du arbeitest doch hoffentlich nicht zu viel?«
»Wann wollen wir uns treffen?«, fragte Mattie, ohne auf die besorgte Frage ihrer Freundin zu reagieren.
»War euch sieben recht?«
»Wunderbar. Wir sehen uns dort. Um sieben.«
Wahrscheinlich, dachte Mattie , als sie auflegte , sollte ich das erst noch mit Jake absprechen. Es konnte ja sein , dass er andere Pläne hatte. »Na und? Zum Teufel damit!« , sagte sie laut bei dem Gedanken an Honey, mit der er sie betrog. In der nächsten Sekunde lag der Telefonhörer
schon wieder an ihrem Ohr. Sie tippte 4-1-1 ein und wartete.
»Welche Stadt wünschen Sie?«, fragte eine Computerstimme.
»Chicago«, antwortete Mattie klar und deutlich. Was war in sie
gefahren?
»Wünschen Sie eine Nummer für einen privaten Anschluss?«, fragte
die Automatenstimme weiter.
»Ja«, stammelte Mattie.
»Der Name bitte?«
»Novak.« Mattie räusperte sich. War sie völlig verrückt geworden?
Was um alles in der Welt tat sie da? »Honey Novak. Die Adresse weiß ich nicht.« Warum hatte sie das überhaupt hinzugefügt? Dem Automaten war das bestimmt piepegal. Was wollte sie mit Honey Novaks Nummer?
Hatte sie allen Ernstes vor, die Frau anzurufen? Wozu? Was wollte sie zu ihr sagen?
»Ich habe keinen Eintrag für eine Honey Novak.« Diesmal war es zu
Matties Überraschung eine menschliche Stimme. Sie nickte erleichtert, schon im Begriff, den Hörer aufzulegen. Da gab es offensichtlich
jemanden, der ein Auge auf sie hatte. Was hatte sie sich bei dieser Aktion bloß gedacht?
»Aber ich habe drei Einträge unter H. Novak«, fuhr die Frau von der
Auskunft fort. Beinahe wäre Mattie der Hörer aus der Hand gefallen.
»Wissen Sie die Adresse?« »Nein«, antwortete Mattie. »Aber wenn Sie mir alle drei Nummern geben könnten...«
»Das kostet jedes Mal extra«, erklärte die Frau, während Mattie, die in der Nachttischschublade einen Kugelschreiber gefunden hatte,
vergeblich nach einem Stück Papier suchte. Sie schrieb sich die drei Nummern schließlich auf ihre linke Handfläche.
Ohne sich Zeit zum Überlegen zu lassen, wählte sie die erste der drei Nummern. Nach dem dritten Läuten wurde abgehoben. Mattie hielt
unwillkürlich die Luft an. Was sollte das Ganze? Was wollte sie damit erreichen?
»Hallo?« Eine Männerstimme.
Kurzatmig vor Aufregung, knallte Mattie den Hörer hin.
Gleich darauf begann das cremefarbene
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