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Zauber einer Winternacht

Zauber einer Winternacht

Titel: Zauber einer Winternacht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Nora Roberts
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realistische Ansicht eines Slums ließ einen erschauern. Und dann die Porträts. Das eines uralten Mannes, der sich an einer Bushaltestelle auf seinen Stock stützte. Das dreier junger Mädchen, die kichernd vor einer Boutique standen. Die spektakuläre Aktstudie einer auf weißem Satin ausgebreiteten Brünetten. Laura betrachtete das Bild nicht voller Eifersucht, sondern geradezu ehrfürchtig.
    Sie ging noch ein Dutzend weiterer Bilder durch und fragte sich, warum er sie so sorglos hingestellt hatte. Viele waren ungerahmt, alle wandten der Wand die Vorderseite zu. Sie gehören nicht hierher, dachte sie, sie sind viel zu schön, um hier in einem Raum zu stehen, wo niemand sie sehen, bewundern und sich von ihnen rühren lassen konnte.
    Jedes Bild trug in einer Ecke seine Signatur, darunter das Jahr. Und alle, die sie gefunden hatte, waren vor mindestens einem Jahr gemalt worden, aber keins war älter als zwei Jahre.
    Sie drehte die letzte Leinwand um und hielt unwillkürlich den Atem an. Es war ein weiteres Porträt, aber eins, das mit Liebe gemalt worden war.
    Es zeigte einen jungen Mann, höchstens dreißig, mit einem leicht verwegenen Lächeln, als hätte er alle Zeit der Welt, das zu verwirklichen, was er sich vorgenommen hatte. Sein Haar blond, um einige Nuancen heller als Gabriels und nach hinten, aus einem schmalen gut aussehenden Gesicht gekämmt. Es war eine ungezwungen wirkende Studie, die den Mann in voller Größe zeigte, in einem Sessel, die Beine von sich gestreckt und unten übereinandergelegt. Aber trotz der lässigen Pose strahlte der Mann Dynamik und Energie aus.
    Sie kannte den Sessel. Er stand im Salon der Bradley-Villa in Nob Hill. Und sie kannte das Gesicht, denn es glich dem ihres Mannes. Dies war Gabriels Bruder. Dies war Michael.
    Ihr ging auf, dass es durchaus möglich war, um jemanden zu trauern, den man nie gekannt hatte. Dass man auch so den Verlust und den Schmerz empfinden konnte. Dass Gabriel seinen Bruder sehr geliebt hatte, machte jeder Pinselstrich deutlich. Nicht nur geliebt, sondern auch respektiert. Mehr als zuvor hoffte sie jetzt, dass er das Vertrauen aufbrächte, mit ihr über Michael, sein Leben und seinen Tod zu reden. In der Skizze des Babys, die Gabriel an seiner großen Staffelei befestigt hatte, war die gleiche bedingungslose Liebe zu spüren gewesen.
    Behutsam drehte sie die Leinwand wieder zur Wand und stellte die anderen davor.
    Nachdem der Regen aufgehört hatte, beschloss Laura, Amanda anzurufen und den beabsichtigten Besuch in der Galerie auch tatsächlich zu unternehmen. Wenn sie wollte, dass Gabriel einen weiteren Schritt auf sie zumachte, musste sie einen auf ihn zumachen. Sie hatte die Galerie bisher absichtlich gemieden, weil sie sich in der Rolle der Frau des prominenten Künstlers unwohl gefühlt hatte. Unsicherheit, das wusste sie, war nur durch einen zuversichtlichen Schritt nach vorn zu überwinden. Auch wenn dieser Schritt alles an Mut erforderte, was man aufbringen konnte.
    Sie hatte sich im letzten Jahr verändert. Sie war nicht nur stärker geworden, sondern so stark, wie sie es sein musste. Vielleicht hatte sie den Gipfel noch nicht erreicht, aber wenigstens mühte sie sich nicht mehr am Fuß des Berges ab.
    Es kostete sie nur eine Frage. Nachdem ihr Dank abgewehrt worden war, legte Laura den Hörer auf und sah auf die Uhr. Wenn Michael sich an seinen gewohnten Tagesablauf hielt, würde er spätestens in einer Stunde aufwachen und gefüttert werden wollen. Anschließend würde sie ihn zu Amanda bringen, das war der erste große Schritt, und dann zur Galerie fahren. Sie sah auf ihre an den Knien verschmutzten Jeans hinab. Als Erstes würde sie sich umziehen.
    Sie war halb die Treppe hinauf, als es an der Haustür läutete. Ihre Stimmung war zu optimistisch, als dass sie sich über die Störung geärgert hätte, und sie öffnete.
    Und dann brach in ihr eine Welt zusammen.
    »Laura.« Lorraine Eagleton nickte forsch und betrat mit großen Schritten die Halle. Dort blieb sie stehen und sah sich betont beiläufig um, während sie sich die Handschuhe auszog. »Donnerwetter, du hast ja das große Los gezogen, was?« Sie steckte die Handschuhe in eine gelbbraune Krokohandtasche »Wo ist das Kind?«
    Laura brachte kein Wort heraus. Ihre Zunge war wie gelähmt, und die Luft schien sich in der Lunge zu stauen, bis ihr der Brustkorb schmerzte. Ihre Hand, noch immer auf dem Türgriff, war eiskalt, obwohl sie den panikartigen Rhythmus ihres Herzens in jeder

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