12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem
aus dem Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprung desselben, während der andere Teil zurückblieb, um – hinter Euphorbien und Gummipflanzen verborgen – den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden.
Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen. Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im Anschlag hielt.
„Wie viele?“ fragte er kurz.
„Konnte sie nicht genau zählen“, antwortete ich ihm.
„Ungefähr?“
„Zwanzig.“
„Pah! Warum denn so viel Mühe geben?“
Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine beiden Diener folgten ihm augenblicklich.
Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber, welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel.
Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle herbeigekommen waren; dann winkte er einem Mann, der sich an seiner Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaul, als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den Engländer in arabischer Sprache:
„Wer bist du?“
Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe Verbeugung, sagte aber kein Wort.
Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache.
„I'm Inglis – ich bin ein Engländer“, lautete die Antwort.
„Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!“ klang es jetzt in englischen Lauten. „Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen bitten?“
„David Lindsay.“
„Dies sind Ihre Diener?“
„Yes!“
„Aber was tun Sie hier?“
„Nothing – nichts.“
„Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?“
„Yes!“
„Und welches ist dieser Zweck?“
„To dig – ausgraben.“
„Was?“
„Fowling-bulls.“
„Ah!“ lächelte der Mann überlegen. „Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?“
„Mit Dampfer.“
„Wo ist er?“
„Nach Bagdad zurück.“
„So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?“
„Yes.“
„Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?“
„Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?“
Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann:
„Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber, welche da drüben ihre Weideplätze haben.“
Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen.
„Wer Sie?“ fragte der Engländer weiter.
„Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vizekonsul zu Mossul.“
„Ah! Wohin?“
„Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.“
„Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?“
„Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es, daß – – –“
Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprung wieherte eines unserer Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiel. Sofort griff der Scheik in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich mich.
„Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!“ fragte ich.
Der Scheik blieb vor Überraschung halten.
„Wer sind Sie?“ fragte der Dolmetscher. „Auch ein Engländer? Sie tragen sich aber doch genau wie ein Araber!“
„Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die Sitten dieses Landes bekümmern.“
„Wer ist es?“ fragte der Scheik den Griechen.
„Ein Nemsi.“
„Sind die Nemsi Gläubige?“
„Sie sind Christen.“
„Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?“
„Ich war in Mekka“, antwortete ich ihm.
„Du sprichst unsere Sprache?“
„Ich spreche
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