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jedenfalls verschwindet, und augenblicklich hast du ihn vergessen. Und so gelangst du ohne Schatten auf eine Art Bühne und beginnst, die Wirklichkeit zu übersetzen, neu zu interpretieren, zu besingen. Die eigentliche Bühne ist eine Vorbühne, und hinter der Vorbühne öffnet sich ein riesiges Rohr, eine Art Stollen oder der Eingang zu einem Stollen gigantischen Ausmaßes. Sagen wir, es ist eine Höhle. Wir können aber auch sagen, es ist ein Stollen. Aus der Öffnung des Stollens dringen unverständliche Geräusche. Onomatopöien, grollende oder verführerische Laute oder verführerisch grollende Laute oder vielleicht auch nur Murmeln und Raunen und Stöhnen. Jedenfalls sieht niemand - was man so sehen nennt - den Eingang des Stollens. Eine Maschinerie, ein Spiel von Licht und Schatten, eine Manipulation der Zeit, entzieht den Blicken der Zuschauer die tatsächlichen Umrisse der Öffnung. Im Grunde können nur die direkt an der Vorbühne, unmittelbar vor dem Orchestergraben sitzenden Zuschauer durch das dichte Netz der Camouflage hindurch die Umrisse von etwas erkennen; nicht die wahren Umrisse, aber immerhin die Umrisse von etwas. Die anderen Zuschauer sehen nicht über die Vorbühne hinaus, man könnte auch sagen, dass es sie gar nicht interessiert. Und da die Intellektuellen ohne Schatten immer rücklings sitzen, können sie überhaupt nichts sehen, es sei denn, sie hätten Augen im Nacken. Sie hören nur die Geräusche, die aus der Tiefe des Stollens dringen. Und übersetzen oder interpretieren oder erschaffen sie neu. Ihre Arbeit, das versteht sich von selbst, ist armselig. Sie bieten Rhetorik, wo man einen Orkan ahnt, sie versuchen eloquent zu sein, wo sie entfesselten Zorn spüren, sie sind bemüht, sich metrische Strenge aufzuerlegen, wo nur eine ohrenbetäubende und nutzlose Stille herrscht. Sie sagen piep piep, wau wau, miau miau, weil sie nicht imstande sind, sich ein Tier von ungeheuren Ausmaßen oder die Abwesenheit dieses Tiers vorzustellen. Andererseits ist die Bühne, auf der sie arbeiten, sehr schön, sehr durchdacht, sehr reizend, nur schrumpfen ihre Dimensionen mit der Zeit zusehends. Diese Verkleinerung macht die Bühne keineswegs wertlos. Sie wird nur einfach immer kleiner, und auch das Parkett wird immer kleiner und entsprechend werden die Zuschauer immer weniger. Neben dieser Bühne gibt es selbstverständlich noch andere Bühnen. Neue Bühnen, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Da wäre die Bühne der Malerei, die riesig ist und zwar nur wenige, aber ausnahmslos elegante Zuschauer hat, um es einmal so auszudrücken. Und da wäre die Bühne von Film und Fernsehen. Hier gibt es einen riesigen, immer gut gefüllten Zuschauerraum, und die Vorbühne wächst Jahr für Jahr ein gutes Stück. Hin und wieder wechseln die Darsteller der Intellektuellenbühne als Gastschauspieler zur Fernsehbühne. Auf dieser Bühne gibt es die gleiche Stollenöffnung in einer leicht veränderten Perspektive, nur dass die Camouflage vielleicht etwas undurchsichtiger und paradoxerweise von einem geheimnisvollen und gleichwohl ansteckenden Humor beseelt ist. Diese humoristische Camouflage ist natürlich für viele Interpretationen offen, die sich am Ende, um es dem Publikum oder dem kollektiven Auge des Publikums leichter zu machen, immer auf zwei reduzieren. Manchmal richten sich die Intellektuellen für immer auf der Fernsehbühne ein. Aus der Stollenöffnung dringt weiter Gebrüll, und die Intellektuellen interpretieren es weiter falsch. In Wirklichkeit sind sie, die theoretisch über die Sprache gebieten, nicht ansatzweise in der Lage, diese zu bereichern. Ihre besten Worte sind entlehnte Worte, die sie die Zuschauer der ersten Reihe haben sagen hören. Diese Zuschauer nennt man gemeinhin Flagellanten. Sie sind krank, und in regelmäßigen Abständen erfinden sie ungeheuerliche Worte, und ihre Sterblichkeitsrate ist hoch. Wenn der Arbeitstag zu Ende geht, schließen die Theater, und vor die Stollenöffnungen werden große Stahlplatten geschoben. Die Intellektuellen ziehen von dannen. Der Mond ist rund und die Nachtluft von fast nahrhaft anmutender Reinheit. Aus einigen Kneipen dringen Gesänge bis auf die Straße. Manchmal verläuft sich ein Intellektueller und betritt eine dieser Kneipen und trinkt Mezcal. Er denkt dann, was wohl geschähe, wenn er eines Tages. Aber nein. Er denkt nichts. Er trinkt bloß und singt. Hin und wieder glaubt einer, einen sagenumwobenen deutschen Schriftstellern zu sehen. In
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