Abbau Ost
Politiker auch gewählt worden. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die alte SED-Machtelite
die Interessen der DDR-Bevölkerung besser vertreten hätte als die neue politische Klasse, deren Werdegang der kohlschen Einigungsdramaturgie
folgte.
Nach den Volkskammerwahlen im März 1990 gingen die Abgeordneten augenblicklich zur Abwicklungsphase über und lösten |172| den Staat auf, dessen oberste Vertreter sie waren. Dabei waren sie, als politische Neulinge, ganz und gar auf westdeutsche
Unterstützung angewiesen. Die 400 gerade gewählten Volkskammerabgeordneten lernten nicht nur das politische Tagesgeschäft,
sie orientierten sich dabei an einem Rechtssystem, das sich von allem, was sie in ihrem bisherigen Leben kennengelernt hatten,
vollkommen unterschied. Im Unterschied zu ihren Vorgängern, die sich eng an Moskau orientierten, war die neue politische Klasse
ferngesteuert aus Bonn. Am 4. April 1990 konstituierte sich die Volkskammer, und schon am 18. Mai 1990 verabschiedete die
Mehrheit der Abgeordneten den Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Eine Volkskammer voller Azubis traf
nach nur sechswöchiger Ausbildung die bedeutsamste Entscheidung im gesamten Einigungsprozess.
Was in der letzten Volkskammer begonnen hatte, setzte sich nach Auflösung der Volkskammer in den neuen Bundesländern und den
Kommunen fort: Politische Neulinge studierten das westdeutsche Rechtssystem und ließen sich dabei von westdeutschen Beamten
unterrichten. In den ersten Jahren nach der Wende durchlebte die neue politische Klasse einen Selbstreinigungsprozess, Idealisten
gingen von allein, Subversive wurden enttarnt, doch ansonsten sind sie immer unter sich geblieben. Fest eingewoben in einen
Kokon westdeutscher Netzwerke beschränkt sich ihr berufliches Interesse an den ehemaligen DDR-Bürgern auf deren Funktion als
Wähler.
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Lernpatenschaften
Erinnert sich noch jemand an Oswald Wutzke? Der evangelische Pfarrer (Theologiestudium von 1959 bis 1963) aus Gartz an der
Oder, Landkreis Uckermark, absolvierte eine der erstaunlichsten Wendekarrieren und wechselte praktisch über Nacht von der
Kanzel des Predigers in hohe politische Ämter. Der Aufstieg des Theologen begann im Januar 1990 als Leiter der politischen
Abteilung des gerade gegründeten »Demokratischen Aufbruchs«. Noch im |173| selben Monat setzte er sich als Generalsekretär an die Spitze seiner politischen Organisation und wechselte nach drei Monaten
in der Position des Generalsekretärs in die letzte DDR-Regierung, als Staatssekretär des Ministeriums für Wirtschaftliche
Zusammenarbeit. Am 4. Oktober trat Oswald Wutzke in die CDU ein, und schon am 27. desselben Monats erfolgte seine Ernennung
zum Kultusminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Zur Seite stand ihm Thomas de Maizière (CDU), der in Bonn geborene Cousin
Lothar de Maizières (CDU), des letzten Ministerpräsidenten der DDR. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte
in Münster promovierte Thomas de Maizière im Jahre 1984 zum Thema ›Die Praxis der informellen Verfahren beim Bundeskartellamt
– Darstellung und rechtliche Würdigung eines verborgenen Vorgehens‹, und arbeitete im Anschluss als Leiter des Grundsatzreferates
in der Westberliner Staatskanzlei. Rechter Schwung aber kam in seine Karriere erst 1990 durch seine Mitwirkung am Aufbau des
Ministerpräsidentenamtes für seinen Cousin, durch seine Teilnahme an den Verhandlungen für den deutsch-deutschen Einigungsvertrag
und schließlich durch sein erstes öffentliches Amt als Staatssekretär im mecklenburg-vorpommerschen Kultusministerium, das
Thomas de Maizière kurz nach Auflösung der DDR-Beitrittsregierung im November 1990 antrat. Unter der politischen Führung des
Kultusministers Oswald Wutzke verdiente sich Staatssekretär de Maizière seine Sporen beim Aufbau der Ministerialbürokratie
in Mecklenburg-Vorpommern und bei der Umgestaltung des ostdeutschen Schulsystems. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Schüler in
den neuen Bundesländern und in Ostberlin noch von der 1. bis zur 10. Klasse in die, wie es in der DDR hieß, allgemeinbildende
Polytechnische Oberschule (POS). Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Mädchen und Jungen bis zur 8. Klasse gemeinsam unterrichtet.
Nach der Achten wechselten im Durchschnitt die zwei bis drei Besten jeder Klasse an die Erweiterte Oberschule (EOS) und legten
nach zwölf Schuljahren das Abitur ab. Eher
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