Alaska
den Vulkan und redete von unwichtigen Dingen, bevor er leise sagte: »Kyril, es wird Zeit, dass ich unsere Pelze wieder einmal nach Petropavlovsk bringe. Madame Zhdanko wird dort mit den Pelzen warten, die sie gesammelt hat, und sie hat ein Schiff, das mich nach Ochotsk bringen wird, von dort geht es über Land weiter durch schlimmes Gebiet bis zur Lena.« Geschickt wechselte er vom Ich zum Wir. »Dann schippern wir mit dem Schleppkahn nach Irkutsk. Eine feine Stadt, kannst du mir glauben. Wir reisen bis in die Mongolei und verkaufen unsere Pelze an die chinesischen Händler, aber mit denen musst du vorsichtig sein, die wollen dich übers Ohr hauen, so gut es geht.«
Er schaukelte in dem kalten Sonnenlicht ein wenig vor und zurück und fragte dann: »Würde dir das gefallen?«, und der Junge rief: »Aber ja, und wie!«
»Es könnte drei Jahre dauern, und mit dem löchrigen Kahn, den wir haben, erreichen wir Kamtschatka vielleicht nie. Aber der Versuch lohnt. Und wenn wir nach Lapak zurückkommen, verlassen wir diesen traurigen Ort und ziehen nach Osten auf die Insel Kodiak, wo es viele Otter geben soll.«
Kyril dachte einen Moment darüber nach und fragte dann: »Aber wenn du anschließend nach Kodiak übersiedeln willst, warum nicht gleich?«, und Trofim erklärte: »Weil ich Madame Zhdanko mitteilen muss, dass ihr Sohn tot ist. Sie ist eine höchst ehrenwerte Frau und sollte diese Nachricht nur aus meinem Mund vernehmen.«
»Wusste sie Bescheid ... über Innokenti?«
»Ich glaube, Mütter wissen das immer.«
»Wie konnte sie ihn dann noch lieben?« »Das ist ein Geheimnis der Mütter.«
Der alte Mann, der sich mit seinen neunundsiebzig Jahren längst hätte zur Ruhe setzen können, verfiel ins Träumen - von rauher See, von Räubern auf einem sturmgebeutelten sibirischen Pass, von der höllischen Tortur, einen Schleppkahn die Lena aufwärts zu staken, und von dem Nervenkitzel, mit Chinesen über den Preis von Pelzen zu feilschen, und er brannte darauf, sich den alten Herausforderungen wieder zu stellen und seine Kraft bei der Meisterung der neuen auf der Insel Kodiak zu erproben.
Ein Eroberer, so meinte er, sollte sein Leben nach Osten ausrichten, immer nach Osten, dem Sonnenaufgang entgegen: Aus einem unbedeutenden ukrainischen Dorf nördlich von Lvov stammend, war er als Junge nach Osten gezogen, Zar Peter zu dienen, dann quer durch Sibirien, wo er Madame Poznikova kennengelernt hatte, dann auf die Aleuten, wo er tapferen Kapitänen begegnet war - Bering, Cook und Pym -, und sogar noch weiter bis an die Küste Amerikas, wo er dem großen Georg Steller hatte helfen dürfen. Und immer hatte der nächste Tag eine edle Herausforderung gestellt, der nächste Tag, die nächste Insel, die nächste stürmische See.
»Ich habe keinen Sohn«, sagte Trofim gefasst. »Und du hast keinen Vater. Beladen wir unser undichtes Schiff mit unseren Pelzen, und segeln wir nach Irkutsk.«
5. Der Zweikampf
In jenem denkwürdigen Jahr 1789, als in Frankreich die Revolution ausbrach, die das Volk von der Tyrannei erlöste und die Freiheit brachte, als auch die amerikanischen Kolonien ihre Revolution durch eine Verfassung vollendeten, die die Freiheit garantierte, in jenem Jahr vergingen sich ein paar russische Pelzhändler auf ganz abscheuliche Weise an dem Volk der Aleuten auf der Insel Lapak.
Im Hafen tauchten eines Tages zwei kleine Boote auf; skrupellose, bärtige Händler führten das Kommando und überbrachten einen grausamen Befehl: »Alle männlichen Bewohner über zwei Jahre in die Boote.« Als die Frauen mit besorgten Gesichtern an den Strand kamen und fragten: »Warum?«, bekamen sie zur Antwort: »Wir brauchen sie auf der Insel Kodiak für die Jagd auf Otter.« Und als sie fragten: »Für wie lange?«, sagten sie: »Wer weiß?« Als die beiden Boote noch am selben Nachmittag fortsegelten, überfiel Frauen und Männer die schreckliche Gewissheit : »Wir werden uns nie Wiedersehen.«
Nachdem sich ihre Trauer gelegt hatte, sahen sich die Frauen genötigt, ihr Leben neu zu organisieren, auf eine Art, wie es ihnen vorher noch nie in den Sinn gekommen war. Die Inselbewohner lebten von dem, was das Meer ihnen bot, doch jetzt war niemand mehr da, der wusste , wie man Seehunde erlegt, Fische fängt oder Jagd auf Wale macht, die auf ihrer Wanderung nach Norden dicht an der Insel vorbeizogen. Am Strand lagen Kajaks bereit, Harpunen und lange Keulen, Seehunde zu erschlagen, aber es gab niemanden, der mit diesen Gerätschaften
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