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Alaska

Titel: Alaska Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James Albert Michener
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umzugehen verstand.
    Eine solch barbarische Politik zu betreiben hieß langfristig - darüber mussten sich die Russen im Klaren sein gegen die eigenen Interessen zu verstoßen, denn sie brauchten die Aleuten für die Jagd und den Fischfang, und wenn sie alle erwachsenen Männer umsiedelten und am Ende töteten, würde es keine nachwachsenden Generationen mehr geben, männliche Zweijährige hatten nicht die Zeit, alt genug zu werden, um selbst Kinder in die Welt zu setzen. Trotzdem behielten die Russen diese irrsinnige Politik bei, vor allem weil sie glaubten, dass die Aleuten nicht wirklich Menschen waren, und der teuflische Mechanismus ihres Ausrottungsplans schien auch tatsächlich aufzugehen, denn ohne Männer würde die Versorgung mit Nahrung sehr schnell zusammenbrechen.
    Es gab jedoch ein Merkmal auf Lapak und anderen Inseln der Aleuten, das die Russen übersehen hatten: Die Menschen hier lebten länger als anderswo in der Welt, und es war. nicht ungewöhnlich, bei Frauen und Männern, wenn sie weit über neunzig Jahre alt wurden. Ihre ausgewogene Ernährung, die hauptsächlich aus Meeresfrüchten bestand und nicht aus Fleisch, war ein Grund, aber auch das reine Seeklima, die saubere Luft, ein geordnetes Leben, harte Arbeit und die robuste Statur, die sie von ihren Vorfahren aus Asien geerbt hatten. So lebte 1789 auf Lapak eine einundneunzig jährige Urgroßmutter, die eine vierzigjährige Enkelin hatte, die wiederum eine sehr lebhafte vierzehnjährige Tochter hatte. Und diese alte Frau hatte den Entschluss gefasst , mit dem Sterben noch zu warten.
    Die Urgroßmutter wurde von der Familie und von Freunden nur »die Alte« genannt, ihre Enkelin hieß Innuwuk. Das vierzehnjährige Mädchen führte den wunderschönen Namen Cidaq, was bedeutete: »junges Tier, das frei herumläuft«. Und keine andere Auszeichnung wäre angemessener gewesen, denn mit diesem Kind verband sich Bewegung, Lebhaftigkeit und Anmut. Sie war nicht groß, aber auch nicht gedrungen wie viele andere aleutische Mädchen ihres Alters, und sie hatte den großen runden Kopf, der auf asiatischen Ursprung schließen ließ, den faszinierenden Augenverlauf der Mongolen, die vornehm gefärbte Haut. In der linken Ecke ihrer Unterlippe steckte ein zarter Pflock, geschnitzt aus dem alten Stoßzahn eines Walrosses, was sie jedoch besonders von den anderen Mädchen unterschied, war ihr langes, schwarzes, seidig glänzendes Haar, das bis fast an die Knie reichte und das vorne in einer geraden Linie in Höhe der Augenbrauen geschnitten war, was ihr das Aussehen eines Helmträgers verlieh, der unter seinem Kopfschutz finster dreinblickte.
    Weil sie jedoch die Buntheit des Lebens liebte, überzog ihr rundes Gesicht wie die aufgehende Sonne oft ein breites Lachen: Die Augen fast zugekniffen, die weißen Zähne leuchtend, warf sie ihren Kopf in den Nacken und brach in ein Freudengeheul aus. Wie die meisten Aleuten und Eskimofrauen bewegte sie die Lippen kaum, wenn sie sprach, so dass sie immer zu murmeln oder ununterbrochen zu flüstern schien, aber wenn sie lachte, den Kopf zurückgeworfen, dann war sie ganz Cidaq, das junge Reh, der junge, springende Lachs, der kleine Wal, der im Gefolge seiner Mutter durchs Wasser glitt. Auch sie war ein entzückendes kleines Tier und gehörte dorthin, wo der Boden sie ernährte.
    Und jetzt sollte sie verhungern, und nicht nur sie, ihr ganzes Volk, trotz des Reichtums, den die Meere ihnen boten. Eines Nachmittags, als »die Alte«, die noch immer rüstig war, auf die Durchfährt zwischen der Insel und dem Vulkan schaute, sah sie einen Wal vorbeiziehen, er bewegte sich nicht schnell, glitt eher gemächlich dahin, spritzte ab und zu Wasser und offenbarte durch ein gelegentliches Aufklatschen mit der Schwanzflosse oder einer seitlichen Drehung seine enorme Größe. »Die Alte« dachte bei sich: Ein Wal wie dieser, davon könnten wir uns sehr lange ernähren. Und sie beschloss , die Sache in die Hand zu nehmen.
    Mit ihrem Stock, den sie sich aus Treibholz geschnitzt hatte, ging sie weiter und suchte am Strand nach den zweisitzigen Kajaks, von denen sie die sechs besten auswählte und dann Innuwuk und Cidaq bat, sie zu holen. Dann fragte sie unter den Frauen nach, wer mit einem Kajak umzugehen verstand, aber es fand sich keine. Ein paar hatten ein Tabu gebrochen und sich einmal in einen Kajak gesetzt, andere hatten sogar versucht zu paddeln, aber keine hatte sich jemals die komplizierten Grundregeln angeeignet, die man beachten

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