Alles Ware - Glanz und Elend der Kommerzkultur
Symbolische« haben kulturelle Macht, auch wenn sie
nicht immer zu den Reichen gehören – manche führen sogar eher eine moderne Boheme-Existenz und fragen sich, was sie materiell
eigentlich noch von der Unterschicht unterscheidet, oder ob sie nicht in Wahrheit »urbane Penner« seien, eine Wendung, die
Mercedes Bunz, die Chefredakteurin des
Tagesspiegel -Online
prägte. Und die kulturell »Machtlosen« müssen nicht immer materiell ganz unten sein. Nur: Wer kulturell abgehängt ist, der
kommt auch materiell eher früher als später unter Druck. Und: Wer kulturell
und
materiell unten ist, der ist in einer Abwärtsspirale, aus der er nur mehr schwer herauskommt. Wer materiellen Mangel leidet,
aber kulturell up to date ist, der kann sich vielleicht als Dandy über den hündischen Kommerz erhaben fühlen. Wer aber materiellen
Mangel leidet und auch noch symbolisch deklassiert ist, dem klebt schnell das »Loser«-Image an. Und wer als Loser gilt, der
wird heute als Aussätziger behandelt – als einer, der es sich »im sozialen Netz bequem gemacht« (Poschardt) hat, der nicht
hineinpasst in die hyperschnelle Leistungsgesellschaft unserer Tage; der sein Schicksal verdient hat, weil er einfach nicht
kreativ genug ist.
Hinzu kommt: Kulturellen Mangel leidet man nicht etwa, weil man Pech hat. In kulturellen Mangel wird man hineingeboren, und
sich aus diesem herauszuarbeiten, ist |158| heute viel schwerer als früher, als die materiell Schwachen nicht zu Unrecht darauf hoffen konnten, dass ihre Kinder es einmal
besser haben. Wer heute am falschen Ort in die falschen Familien hineingeboren wird und womöglich noch in die falsche Ethnie,
der hat im Alter von drei Jahren oft schon einen Rückstand, den er sein ganzes Leben nicht mehr aufholt – und zwar einen Rückstand
an sprachlicher, kultureller, symbolischer Kompetenz. Die Gesellschaften im Kulturkapitalismus werden also, aller Flexibilitätsrhetorik
zum Trotz, immobiler, und zwar aus einem ebenso simplen wie deprimierenden Grund: Von unten nach oben kommt man schwerer als
in den siebziger Jahren, eben weil Bildung, kommunikative Fähigkeiten, Networking und Selbstdarstellung viel wichtiger für
den gesellschaftlichen Aufstieg geworden sind. Und das sind alles Dinge, von denen man in der Pflichtschule bestenfalls Bruchstücke
lernt.
»Negative Sozialvererbung« nennen das die Wohlfahrtssoziologen.
Neue Arten von Ungleichheiten sind also ein Effekt des Kulturkapitalismus. Der Wiener Architekturtheoretiker Georg Franck
hat in seinen Studien über die »Ökonomie der Aufmerksamkeit« diese neuen Ungleichheiten penibel vermessen. Beachtung, Aufmerksamkeit
ist in der postindustriellen Gesellschaft ein immaterieller Schatz, der sich unmittelbar in materielle Macht verwandeln lässt
– so Francks Entdeckung. Er wird über alle Arten von Medien verteilt, und zwar, wie sich von selbst versteht, sehr ungleich
– und diese Medien kapitalisieren die Beachtung wiederum, etwa indem sie Werbezeit verkaufen und andererseits in den Ruhm
der Beachteten investieren, seien das TV-Moderatoren, Popsternchen, PR-Genies, Altkanzler oder sonstige Celebrities. Aufmerksamkeit
ist im kulturellen Kapitalismus ohnehin eine der wichtigsten Kapitalarten, |159| weshalb das Geschäft mit der Aufmerksamkeit »härter, nervöser, schneller« 143 wird.
Unterschicht und Unter-Chic.
Ungleichheit als Lifestyle-Differenz
Die neuen, subtilen Formen von Ungleichheit sind also nicht zu übersehen. Gewiss, jeder kann, beispielsweise, im Internet
vertreten sein – aber wer im Netz überhaupt nicht vorkommt, der ist sozial praktisch nicht-existent (ein beliebtes Hobby ist
es, jemanden zu »googeln« – und wer keinen oder nur wenige Einträge hat, sinkt sofort in der Achtung seines Umfeldes); wer
nichts ist, wird auch keines Blickes gewürdigt. Gewiss auch, jeder darf, ja muss sein eigenes unverwechselbares Ich kreativ
entwickeln (»Werde zu einer entwickelten sozialistischen Persönlichkeit«, herrschten schon im untergegangenen Staatssozialismus
die Parolen die Bürger an), aber die Kompetenzen dafür sind schroff ungleich verteilt.
|160| Wir sehen also: Die Kulturalisierung hat eine Reihe von Ungleichheits-Effekten, und manche haben mehr, manche weniger demütigende
Wirkungen.
Doch die Auflösung von Gleichheitskulturen und die Etablierung vieler, neuer Differenzen ist nicht nur der
Effekt
des Kulturkapitalismus, meint der Pariser Soziologe
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