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Am Ufer

Am Ufer

Titel: Am Ufer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Paulo
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und bat ihn, anwesend zu sein und diesem Mann zu helfen.
    Plötzlich sprudelten die Worte aus ihm hervor. Obwohl ich nicht recht verstand, was er sagte, klang es wie ein Exorzismusgebet. Seine Hände berührten die Schultern des Mannes und strichen über dessen Arme. Er wiederholte diese Geste mehrfach.
    Das Feuer im Kamin prasselte lauter. Es konnte ein Zufall sein, doch vielleicht begab sich jetzt der Pater in Bereiche, die ich nicht kannte – und die die Elemente beeinflußten.
    Die Frau und ich fuhren jedesmal zusammen, wenn ein Holzscheit knackte. Der Pater bemerkte es nicht. Er war in sein Tun versunken – ein Werkzeug der Heiligen Jungfrau, wie er zuvor gesagt hatte. Er redete in fremden Zungen. Seine Hände lagen jetzt reglos auf den Schultern des Mannes vor ihm.
    So unvermittelt, wie es begonnen hatte, endete das Ritual. Der Pater wandte sich um und sprach den üblichen Segen, indem er mit der rechten Hand das Zeichen des Kreuzes machte.
    »Gott möge immer in diesem Hause sein«, sagte er.
    Und indem er sich mir zuwandte, bat er mich, unsere Wanderung fortzusetzen.
    »Aber Sie haben Ihren Kaffee noch nicht getrunken«, sagte die Frau, als sie uns hinausbegleitete.
    »Wenn ich jetzt Kaffee trinke, kann ich später nicht schlafen«, antwortete der Pater.
    Die Frau lachte und murmelte so etwas wie: »Aber es ist doch erst Morgen.« Ich konnte es nicht genau hören, denn wir standen schon wieder auf der Straße.
    »Pater, die Frau sagte, ein junger Mann habe Ihren Mann geheilt. War er es?«
    »Ja, er war es.«
    Mir wurde schwindlig. Ich erinnerte mich an gestern, an Bilbao, den Vortrag in Madrid, an die Leute, die von Wundern gesprochen hatten, an eine Präsenz von etwas, die ich gefühlt hatte, während ich mit den anderen einen Kreis bildete.
    Ich liebte also einen Mann, der heilen konnte. Einen Mann, der seinem Nächsten diente, Leid linderte, dem Kranken Gesundheit und dessen Verwandten wieder Hoffnung geben konnte. Das war eine Aufgabe, die nicht in ein Haus mit weißen Gardinen und Lieblingsplatten und -büchern paßte.
    »Fühlen Sie sich nicht schuldig, mein Kind«, sagte er.
    »Sie lesen meine Gedanken.«
    »Ja, das tue ich«, entgegnete der Pater. »Auch ich habe eine Gabe und versuche ihrer würdig zu sein. Die Heilige Jungfrau hat mich gelehrt, in den Strudel der menschlichen Gefühle einzutauchen, um diese so gut wie möglich zu leiten.«
    »Sie tun auch Wunder.«
    »Ich kann nicht heilen. Aber ich habe eine der Gaben des Heiligen Geistes.«
    »Sie können also in meinem Herzen lesen, Pater. Und Sie wissen, daß ich ihn liebe und daß diese Liebe mit jedem Augenblick wächst. Wir haben die Welt gemeinsam entdeckt und sind gemeinsam in dieser Welt geblieben. Jeden Tag in meinem Leben ist er bei mir gewesen – ob ich es wollte oder nicht.«
    Was sollte ich diesem Pater sagen, der neben mir herging? Würde er je verstehen, daß ich andere Männer gehabt, mich verliebt hatte und, wenn ich geheiratet hätte, glücklich geworden wäre? Als ich auf einem Platz in Soria die Liebe entdeckt und verdrängt hatte, war ich noch ein Kind gewesen.
    Doch offensichtlich hatte ich sie nicht genügend verdrängt. Drei Tage hatten ausgereicht, und alles hatte mich wieder eingeholt.
    »Ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein, Pater. Ich habe das wiederbekommen, was verloren war, ich will es nicht wieder verlieren. Ich werde um mein Glück kämpfen. Wenn ich den Kampf aufgebe, werde ich auch mein spirituelles Leben aufgeben. Wie Sie schon sagten, würde das bedeuten, daß ich damit auch Gott, meine Macht und meine Kraft als Frau von mir weise. Ich werde um ihn kämpfen, Pater.«
    Ich wußte, warum dieser kleine, dicke Mann hier war. Er war gekommen, um mich davon zu überzeugen, ihn aufzugeben, weil er eine wichtigere Aufgabe zu erfüllen hatte.
    Nein, nein, ich kaufte dem Pater, der da neben mir herging, seine Geschichte nicht ab, daß er wollte, daß wir heirateten, um dann in einem Haus wie jenem in Saint-Savin zu wohnen. Das sagte er nur, um mich zu täuschen, damit ich nicht mehr auf der Hut war und mich von seinem Lächeln vom Gegenteil überzeugen ließ.
    Er las meine Gedanken, ohne etwas dazu zu sagen. Aber vielleicht irrte ich mich ja, vielleicht konnte er doch nicht erraten, was die anderen dachten. Der Nebel löste sich schnell auf, und ich konnte jetzt den Weg, den Hang, die schneebedeckten Felder und Bäume erkennen. Auch meine Gefühle waren nicht mehr so verschwommen.
    Unsinn! Wenn es wahr war

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