Antonio im Wunderland
aus
den Taschen und rannten damit in der Pause herum. Sie
warfen sich die Mützen zu, setzten sie auf, rissen sie sich gegenseitig von den Köpfen und ließen die Mädchen
nah herankommen, um sich die blöden gelben Dinger
dann zuzuwerfen. Lorella und Sara bekamen sie erst
nach der Schule wieder, als sie verdreckt und kaputt in
der Kastanie vor der Schule hingen.
Von da an und für eine lange Zeit hießen die Schwes-
tern in der Nachbarschaft Gelbkäppchen 1 und Gelb-
käppchen 2, und das, obwohl sie die Mützen heimlich
entsorgten und Antonio so lange vorschwindelten, die
Mützen in der Schule liegen gelassen zu haben, bis er
sie schließlich irgendwann vergessen hatte. Leider war
er da der Einzige. Zu Hause verschwiegen die Mädchen
sowohl die Spitznamen als auch das quälende Spießru-
tenlaufen auf dem Schulhof, denn sie wollten auf kei-
nen Fall, dass sich ihr Vater des Problems annahm. In
anderen Familien wären Kinder froh gewesen, wenn
sich ihr Vater für sie eingesetzt hätte, bei den Marcipa-
ne-Töchtern galt dies als größte anzunehmende Ka-
tastrophe.
Ich ahnte bisher, dass Sara als Gastarbeiterkind im-
mer wieder einmal Schwierigkeiten gehabt hatte, aber
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diese Geschichten sind mir neu. Wir sitzen in meinem
Lieblingslokal in Campobasso, dem Café Montefiori.
Der Wirt Daniele bringt uns Kaffee, in dem Sara lange
herumrührt. Man sieht den Menschen ihre Vergangen-
heit nicht an. Wer weiß schon, ob einer ein glückliches
Kind war. Es fällt ihr schwer, diese Wahrheiten zu of-
fenbaren. Ich soll sie als das sehen, was sie ist: Eine
schöne Frau, die kluge Dinge sagt und in einer großen
Stadt lebt. Auf keinen Fall soll ich das gehänselte Kind
mit dem irren Vater in der Kleinstadt sehen, auf keinen
Fall! Aber ich habe es schon gesehen, ganz oft sogar,
eigentlich immer, wenn sie mit ihm zusammen ist.
Dann ist sie so befangen, genervt, angespannt.
«He, Gelbkäppchen, was ist denn?», frage ich und
versuche ihr Gesicht zu streicheln.
Sie schlägt meine Hand weg und zischt: «Sag das nie
mehr! Nicht mal im Spaß. Sag das nie mehr!» Dann
steigen ihr Tränen in die Augen. Sie lässt ihren Kopf
sinken. Ich küsse ihre Haare.
«Wenn ich mit meinem Papa zusammen bin, dann
bekomme ich irgendwie Angst», sagt sie nach einer
Weile.
«Wovor bekommst du Angst?»
«Ich weiß es nicht. Vor der Vergangenheit vielleicht.»
«Das verstehe ich nicht.»
«Es ist schwer zu erklären. Wenn ich meinen Vater
sehe, denke ich sofort, dass ich eigentlich gar nicht zu
dir gehöre, sondern zu ihm, in seine Welt. Ich komme
mir manchmal vor wie ein Betrüger, so als hätte ich mir
mein jetziges Leben erschwindelt.»
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Wir sehen den Malern zu, die gegenüber ein altes
Haus streichen. Sie bestellt ein Wasser und erzählt wei-
ter.
Die Gelbkäppchenaffäre schweißte die Kinder enger
zusammen, aber die Distanz zu ihrem Vater, den sie
insgeheim für ihre Außenseiterrollen verantwortlich
machten, wurde größer. Antonio entwickelte sich
schließlich zu einer regelrechten Bedrohung für Sara
und Lorella, als diese begannen, sich für Jungs zu inte-
ressieren.
Lorella, die Ältere, machte ihre Erfahrungen im We-
sentlichen auf Partys, nie brachte sie einen Jungen auch
nur in die Nähe ihres Elternhauses. Sie hielt sich streng
an Ausgehzeiten und erwarb damit das Vertrauen ihres
Vaters, der sich nicht im Traum vorstellen konnte, dass
eine seiner Töchter jemals a) rauchen, b) Alkohol trin-
ken und c) die Bekanntschaft mit männlichen Jugendli-
chen machen, geschweige denn suchen würde, bevor
sie, sagen wir mal, 25 Jahre alt sein würde.
Im Gegensatz zu Lorella fügte Sara sich nicht so ein-
fach in Antonios kompliziertes Regelwerk. Sie kam zu
spät nach Hause. Sie rauchte heimlich. Und sie brachte
Jungs bis ganz dicht vor die Tür. So dicht, dass Antonio
sie sehen konnte, wenn er die Gardine in der Küche zur
Seite schob. Sara knutschte dann absichtlich aufrei-
zend mit irgendeinem Frank oder Andreas, um ihren
Vater zu provozieren. Dieser klopfte mit seinem Ehe-
ring von innen an die Scheibe, um auf sich aufmerksam
zu machen. Sara warf ihm einen genervten Blick zu.
Wenn sie schließlich ins Haus kam, stellte Antonio
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seine Tochter und fuchtelte mit seinen Händen vor ih-
rem Gesicht herum, während er von Familienehre und
Sauerei sprach und sie «eine ganz dumme Salat» nann-
te. Sara machte das wenig aus, denn zu drakonischen
Strafmaßnahmen war
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