Antonio im Wunderland
kocht. Oder sie
steht im Wohnzimmer und bügelt. Oder sie steht im
Garten und gießt Blumen. Als Kind hat Sara ihre Eltern
hemmungslos geliebt, inzwischen werden sie in ihren
Augen immer kleiner, nicht nur körperlich.
«Ich wollte immer einen anderen Papa», sagt sie
traurig, als wir durch die Altstadt spazieren gehen.
«Ich finde, er ist trotzdem ein liebenswerter Mensch»,
antworte ich.
«Er ist ja auch nicht dein Vater.»
«Er tut doch niemandem etwas.» Ich verteidige ihn,
irgendwer muss das ja tun.
«Hat dein Vater schon mal beim Elternabend in der
Schule gefordert, dass Jungen und Mädchen in unter-
schiedliche Orte auf Klassenfahrt gehen sollten?»
«Nein.»
«Meiner aber. Hat dein Vater jemals versucht, einem
Lehrer per Telefonterror eine bessere Note in Erdkunde
abzupressen?»
«Nein.»
«Meiner aber. Hat dir dein Vater schon mal verboten,
eine Freundin mit nach Hause zu bringen?»
Kann mich nicht erinnern. Es war eher umgekehrt.
Mein Vater hatte immer ein verdächtig großes Interesse
daran, meine Freundinnen kennen zu lernen.
«Hat dein Vater jeden Kinofilm, den du dir anschau-
en wolltest, vorher angesehen, um sicherzugehen, dass
der Film auch für dich geeignet ist?»
79
Nein, was für eine herrliche Idee.
«Ich sage dir was», fährt sie fort. «Meine Kindheit
war nicht so witzig. Und wenn ich meinen Vater sehe,
habe ich das Gefühl, sie hört nie auf.»
Er nennt seine Tochter immer noch «Schnucke», was
sie hasst. Er fragt mich immer noch ständig, ob ich gut
zu ihr bin. Er schenkt ihr zu Weihnachten Geld, damit
sie sich endlich mal was Schönes kaufen kann. Und er
nimmt nicht zur Kenntnis, dass sie eine erwachsene
verheiratete Frau ist.
Früher war alles anders. Als Kinder bewunderten Sara
und Lorella ihren Vater, der Doppelschichten schob,
den sie manchmal tagelang nicht sahen und der den-
noch immer fröhlich war, wenn er nach Hause kam.
Dann hob er seine Töchter hoch, nahm jede auf einen
Arm und spielte Flugzeug mit ihnen. Er kümmerte sich
nicht groß um Schulzeugnisse, denn seiner Meinung
nach waren seine beiden Mädchen Genies, und nichts
konnte ihn von dieser Überzeugung abbringen. Und
was die Leute in der Nachbarschaft von ihm dachten,
war ihm egal.
Wir schlendern über den corso von Campobasso, um
die Mittagsstunden wird es hier brütend heiß. Kein
Mensch hält sich jetzt draußen auf, sogar die Hunde
laufen nur im Schatten von Haus zu Haus. Ich spüre die
Hitze aber nicht, ich höre Sara zu. Sie hat sich so viel
von der Seele zu reden.
80
CINQUE
Sara hat nie viel von zu Hause erzählt, das meiste konn-
te ich mir ja denken. Für sie zählte immer nur unsere
Gegenwart. Alles, was ihren Vater betrifft, ist Vergan-
genheit. Ich habe dazu eine Theorie. Um mit einem
Menschen glücklich zu sein, muss man immer Gemein-
samkeiten in zwei Zeitebenen haben. Entweder man
teilt die Vergangenheit und die Gegenwart miteinander
oder die Gegenwart und die Zukunft. Bei Sara und mir
ist das so. Wenn es nur eine Zeitebene gibt, funktioniert
die Beziehung nicht. Wie oft hat man schon beklagt,
dass eine Freundschaft nur in der Rückschau schön ist,
man sich aber in der Jetztzeit leider gar nichts mehr zu
sagen hat? Das sind dann die Beziehungen, die nur in
der Verklärung von früheren Abenteuern vor sich hin
dümpeln, aber es kommt kein neues hinzu.
Bei Sara und ihrem Vater scheint das ganz ähnlich zu
sein. Sie haben keine Gegenwart und keine Zukunft.
Traurig, aber wahr. Vielleicht lässt sich daran noch et-
was ändern, wenn man sich Mühe gibt. Im Moment
will sie das nicht. Sie möchte mir – nachdem wir schon
sechs Jahre zusammen sind – endlich erzählen, wie ihre
Kindheit war. Ich habe sie schon oft danach gefragt,
aber dann antwortete sie immer nur: «Schön», und
machte deutlich, dass sie nicht darüber sprechen woll-
81
te. Jetzt will sie, damit ich auf ihrer Seite stehe. Wir holen uns eine granita 1 und spazieren Richtung Burg. Sara fängt an zu erzählen.
Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis das kleine Reihenhaus
der Marcipanes ein richtiges Geländer im Treppenhaus
hatte, und in den ersten Jahren hing eine lose Glühbir-
ne von der Decke im Flur. Alles bei Antonio Marcipane
schien provisorisch und unfertig, sogar die Kinder, die
in der Nachbarschaft nur schwer Anschluss fanden und
ständig gehänselt wurden. Spaghetti-Fresser nannte
man sie, manchmal auch Iraker. Dabei tat Sara alles da-
für,
Weitere Kostenlose Bücher