Assassin's Creed: Der geheime Kreuzzug (German Edition)
Ritters.
Der Kampf war vorüber. Altaïr stand zwischen drei Toten, ließ den Blick über den Hof schweifen und schöpfte Atem. Es hatte seine Vorteile, dass sich so wenige Menschen in der Burg aufhielten, dachte er. Er kehrte auf demselben Weg wie zuvor auf den Balkon zurück. Dabei wurde die bohrende Stimme des Zweifels zunehmend lauter. Die meisten Leichen, die er vorhin hinterlassen hatte und an denen er nun vorüberkam, lagen noch genauso da, und Wachen gab es jetzt keine mehr. Gar keine. Wo steckten nur all die Leute, die diese Burg sonst bevölkern mussten?
Er erhielt die Antwort auf diese Frage wenig später, als er die Festung verließ und sich über die Dächer auf den Weg zum Unterschlupf machte. Er freute sich auf ein wenig Ruhe und vielleicht ein Wortgefecht mit Maria, oder sogar eine Unterhaltung. Was er ihr bisher hatte entlocken können, beschränkte sich darauf, dass sie Engländerin und de Sables Steward war (was das genau bedeutete, danach hatte Altaïr nicht näher gefragt) und dass sie nach irgendeinem Zwischenfall zu Hause in England in die Kreuzzüge verstrickt worden war. Es interessierte ihn, worum es sich bei jenem Zwischenfall gehandelt hatte. Er hoffte, es bald herauszufinden.
Plötzlich sah er Rauch. Als dichte Säule verdunkelte er den Himmel. Der Rauch stieg aus dem Versteck auf, stellte er fest, als er nun mit hämmerndem Herzen näher kam. Kreuzritter hielten Wache und scheuchten jeden davon, der sich dem Lagerhaus, das in Flammen stand, zu nähern versuchte. Feuerzungen leckten aus den Fenstern und der Tür, dichte Rauchwolken kräuselten sich über dem Dach. Darum also war Fredericks Burg so nachlässig bewacht worden.
Altaïrs erster Gedanke galt nicht der Sicherheit des Ordens, Alexanders oder eines der anderen Widerständler, die sich in dem Versteck aufgehalten haben mochten. Er dachte zuallererst an Maria.
Wut durchraste ihn. Mit einem Ruck des Handgelenks fuhr er seine Klinge aus, dann sprang er auch schon vom Dach und stürzte sich auf zwei Templerwachen. Der Erste starb schreiend, dem anderen blieb noch Zeit, den Blick seiner vor Überraschung aufgerissenen Augen auf Altaïr zu richten, als dessen Klinge ihm durch die Kehle fuhr. Der Schrei erscholl, lockte weitere Soldaten herbei, doch Altaïr kämpfte sie nieder, verzweifelt bemüht, zu Maria zu gelangen. Er wusste nicht, ob sie im Lagerhaus festsaß und vielleicht schon dem Erstickungstod nahe war. Hatte man sie in dem Raum eingesperrt gelassen? War sie jetzt dort drinnen, hämmerte sie mit den Fäusten an die Tür, schnappte sie in dem von Rauch erfüllten Raum nach Luft? Wenn es so war, konnte er sich das Grauen, das sie in diesem Moment empfinden musste, kaum vorstellen. Noch mehr Templer stürzten sich auf ihn. Ihre Schwertspitzen gierten nach seinem Blut. Doch er ließ sich nicht bezwingen. Er bekämpfte sie mit Wurfmessern, seiner Klinge und dem Schwert, bis er erschöpft und die Straße übersät war mit toten Templern, deren Blut im Staub versickerte, während er auf das inzwischen nur noch schwelende Lagerhaus zurannte und ihren Namen rief.
„Maria!“
Er erhielt keine Antwort.
Weitere Templer trafen ein. Schweren Herzens setzte Altaïr sich über die Dächer ab, um seinen nächsten Zug zu planen.
38
Wie sich herausstellte, wurde ihm die Planung seines nächsten Zugs abgenommen. Während er im Schatten einer Glocke auf einem Turm gesessen hatte, war Altaïr auf Bewegung in den Straßen aufmerksam geworden. Endlich kamen Menschen aus ihren Häusern und strebten einem Ziel zu. Er hatte keine Ahnung, wo es sie hinzog, aber er wollte es herausfinden.
Und tatsächlich, noch während die verkohlten Überreste des Verstecks vor sich hinrauchten, machten die Templer mobil. Über die Dächer folgte Altaïr Bewohnern der Stadt zum Vorplatz der Kathedrale. Er sah ihre Mienen und hörte ihre Gespräche mit an. Sie redeten von Rache und Unterdrückung. Mehr als nur einmal fiel der Name Armand Bouchart. Dieser Bouchart, so sagten die Leute, sei gerade erst auf der Insel eingetroffen. Dem Vernehmen nach stand er im Ruf, ein furchterregender, grausamer Mann zu sein.
Altaïr sollte bald mit eigenen Augen sehen, dass Bouchart diesen Ruf zu Recht trug. Zunächst aber erfüllte es ihn mit überbordender Freude, Maria in dem Gedränge zu entdecken und zwar lebend und unversehrt. Sie wurde in der sich sammelnden Menge von zwei Tempelrittern flankiert, war dem Augenschein nach ihre Gefangene, auch wenn man sie nicht
Weitere Kostenlose Bücher