Außer sich: Roman (German Edition)
geriebener Apfel. Kochte Tee. Als der Löffel seine Lippen berührte, rümpfte er die Nase und zog den rechten Mundwinkel etwas hoch. Ist es dir zu sauer? Ich rührte noch einen Löffel Honig dazu. Besser so? Mund auf, Bastian, mach bitte den Mund auf! Du musst doch essen. Wer nicht isst, verhungert, weißt du das nicht? Ich hielt den Löffel umklammert, er bog den Kopf weit zurück. Tränen schossen mir in die Augen. Warum bloß willst du nicht mehr essen? Sag mir, warum? Er wird verhungern, dachte ich, ich muss dabei zusehen, wie er verhungert. Bastian, ISS bitte!
Ich ließ die Hand sinken, legte den Löffel beiseite. Stellte das Müsli in den Kühlschrank. Vielleicht später. Vielleicht muss er erst aufs Klo, fiel mir ein. Komm, Bastian, gehen wir aufs Klo. Auf der Schüssel sitzend, klappten ihm ständig die Augen zu. Ich stützte ihn. Bastian, hast du nichts im Bauch? Doch, die Brotstückchen von gestern müssten noch drin sein. Hatte er Verstopfung, Bauchweh, einen Infekt? Ich massierte ihm den Bauch. Wieder war ein Gluckern zu hören. Aber nichts kam. Das Kettchen fiel zu Boden. Ich hob es auf. Seltsam. Schon eine ganze Weile hatte ich ihm keine Tropfen mehr gegeben. Trotzdem war er so still, so müde. Möchtest du wieder ins Bett? Wenn ich dich so ansehe. Komm, ich bring dich ins Bett.
Ich legte mich aufs Sofa. Konnte lange nicht einschlafen. Träumte dann wirres Zeug, träumte von einem Tag auf dem Markt. Sebastian hält mich an der Hand, zieht mich hierhin und dorthin. Als sei er zu groß oder ich viel zu klein, verliere ich immer wieder den Boden unter den Füßen. Wir müssen noch Fische kaufen, sagt er. Alle Stände auf dem Markt verkaufen nur Fische. In großen Bottichen liegen sie in Reih und Glied, wunderbar bunt, die Augen aber matt und eingesunken. Bastian, sage ich, die Fische stinken. Einer der Händler nimmt einen Fisch aus dem Bottich, hält ihn mir unter die Nase, da, für dich! Er denkt wohl, ich bin noch ein Kind. Er denkt wohl, ein stinkender Fisch ist so gut wie ein Bonbon. Ich drehe den Kopf weg.
Es stank. Aufwachen. Aufstehen. Vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer öffnen. Schon wusste ich Bescheid. Es stank so bestialisch, so infernalisch. Ich würgte, drehte mich um und rannte ins Bad. Ich setzte mich auf den Boden, lehnte mich gegen die Wanne. Musste ich jetzt froh sein, dass seine Verdauung so einwandfrei funktionierte?
Zur Tür hinausgehen, zuschließen, weglaufen. Ihn da drin sich selbst überlassen. Bis es jemand merken würde, wäre ich weit fort. Weit fort bleiben. Vergessen.
Sebastian saß auf dem Bett. Er war von Kopf bis Fuß verschmiert mit Kot. Der Kot klebte im Gesicht, im Haar, in der Nase, im Mund, in den Ohren. Die Wände, der Teppich, alles, alles. Die Windel war in tausend winzige Fetzen zerrissen. Der Schlauch des Nachtbeutels hing lose. Aus dem Katheter tropfte Urin. Sebastian saß da und grinste. Er grinste, schaukelte vor und zurück. Quiekte. Grinste. Schmatzte. Als bereite ihm dieser Zustand höllischen Spaß, als habe er das alles zu seinem Vergnügen gemacht. Oder um mich zu ärgern. Nein, das kann so nicht weitergehen, er muss endlich begreifen, dass man so eine Sauerei nicht machen darf. Wer muss das wegputzen? Ich. Ich muss das alles wegputzen! Bleibt ja alles an mir hängen. Ich fasste seinen Nacken und drückte ihm die Nase in seine eigene Scheiße. Siehst du, wie eklig das ist, wie widerwärtig, riechst du das?
Er verdrehte die Augen.
Er klapperte mit den Zähnen.
Er schlotterte am ganzen Körper.
Ich riss ihn hoch, zerrte ihn ins Bad. Duschen, waschen. Abtrocknen, Windel, neuer Pyjama.
Ich stieß ihn in den Sessel.
Ich legte ihm eine warme Decke um die Schultern.
Ich gab ihm viele Tropfen.
Ich zog die Bettwäsche ab, weichte sie ein. Ich holte einen Eimer, Wasser, Bürste. Ich schrubbte den Teppich, den Boden, die Wände. Schrubbte und schrubbte. Nichts wurde sauber.
Wer ist das hier? Bin ich das?
Außer mir.
Ungewiss, brüchig.
Bist du das?
Außer dir.
Der muss das lernen. Zu ahnen, dass der das nicht lernen wird. So nicht und so nicht. Nie wieder wird er etwas lernen. Und ich kann das nicht ändern. Ich bestrafe ihn für meine Hilflosigkeit, für meine Ohnmacht.
Wen soll man denn sonst bestrafen?
Menschliches Versagen. Versagen der Menschlichkeit. Jäh aufflammende Wut, ein kurzer Moment der Befriedigung. Mich wehren, mich nicht verarschen lassen von einem, dem nichts ferner liegt, als mich zu verarschen. Das ist erbärmlich,
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