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Bis ich dich finde

Bis ich dich finde

Titel: Bis ich dich finde Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: John Irving
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als Carol es je könnte.
    Er sagt ihr, wo die Limousine steht: in der Nähe, aber nicht in
Sichtweite des Hoteleingangs. Er sagt, daß er nachkommen wird.
    Als Johnny-als-Nutte das Peninsula verläßt, sorgt er dafür, daß man
ihn bemerkt. Er hat sich mit dem Bourbon aus der Minibar des Hotelzimmers den
Mund ausgespült. Nun geht er-als-sie zum Empfang, zieht einen jungen
Angestellten am Revers zu sich heran und haucht ihm ins Gesicht. »Es wird sie
vielleicht interessieren«, sagt Johnny-als-Nutte mit rauchiger Stimme, »daß
Lester Billings ausgecheckt hat. Ich fürchte, sein Zimmer ist in keinem schönen
Zustand.« Dann läßt Johnny-als-Nutte den jungen Mann los und schwankt durch die
Hotelhalle hinaus. Er und Carol fahren nach Marina del Rey und ziehen sich
wieder um.
    Am Ende des Romans übernachten sie in einem Motel irgendwo im
Mittleren Westen, nicht weit von der Interstate 80 entfernt. Sie sind unterwegs
zurück nach Iowa, wo sie normale Jobs finden und ein nettes Leben führen wollen.
Carol ist schwanger. (Ein Escortservice mit dem Namen »Mutterschaftsurlaub«
wäre vielleicht enorm erfolgreich gewesen, aber Carol will damit nichts mehr zu
tun haben, und Johnny ist es endgültig leid, Filmstars herumzufahren.)
    In ihrem Motelzimmer an der Interstate 80 sehen sie sich im
Fernseher einen alten Lester-Billings-Film an, einen echten [556]  Western. Lester spielt einen Viehdieb; er wird von einer Kugel getroffen und
stirbt im Sattel.
    Der Film Nett und normal war besser als
das Buch. Emma hatte das gewußt. Als das Buch noch auf der Bestsellerliste der New York Times stand, wurde der Film bereits gedreht. Viele
Buchrezensenten bemängelten, der Roman sei bereits mit dem Hintergedanken an
eine Verfilmung geschrieben worden. Natürlich verfaßte Emma auch das Drehbuch.
Filmkritiker spekulierten, sie habe es vielleicht schon vor dem Roman
geschrieben. Emma hüllte sich in Schweigen.
    Jack wußte nicht, welche Vereinbarungen sie mit Bob Bookman von C.A.A. getroffen hatte, aber Bookman, der normalerweise
keine Schauspieler vertrat, erklärte sich einverstanden, Jacks Agent zu sein.
Ob es nun schriftlich fixiert oder im Verlauf eines Essens oder
Telefongesprächs mündlich vereinbart worden war – es galt jedenfalls als
ausgemacht, daß sowohl Emma als auch Jack bei dem Film mitarbeiten würden. Emma
würde das Drehbuch verfassen, und Jack würde Johnny spielen. Emma hatte ihn von
Anfang an für die Rolle vorgesehen: ein sympathischer Transvestit. Und diesmal würde das schulterlange Haar echt sein, keine Perücke.
    Mary Kendall spielte Carol als die unschuldigste Prostituierte, die
man je gesehen hatte. Jake »Prairie Dog« Rawlings spielte Lester Billings – es
war seine erste Rolle seit langem und das erste Mal, daß er nicht in einem
Western auftrat.
    Im Film halten Mary Kendall und Jack in jenem Motelzimmer an der
Interstate 80 Händchen und sehen fern. Sie schweigen. Im Buch sagt Carol bei
der Szene, in der Lester Billings sich erschießt: »Möchte wissen, wie oft er in
seiner Laufbahn erschossen worden ist.«
    »Oft genug, um keine Angst mehr davor zu haben«, antwortet Johnny.
    Doch Emma fand, im Film sei es besser, wenn sie nichts [557]  sagten. Es
ist mehr ein Film-Augenblick: Man sieht sie, wie sie dem alten Cowboy beim
Sterben zusehen. Auch ihre Träume vom Filmruhm sind tot und begraben, das
erkennt man an der leisen Resignation in ihren Gesichtern, auf denen der grüne
oder bläulich-graue Widerschein des Fernsehers flackert.
    Doch Jack hätte diesen Satz gern gesagt. (»Oft genug, um keine Angst
mehr davor zu haben.«)
    »Vielleicht kannst du ihn ein andermal verwenden«, sagte Emma. »Aber
diesmal nicht. Diesmal bin ich die Drehbuchautorin.«
    Emma war noch mehr als das. Sie war die Architektin von Jacks
Filmkarriere, sie war der Grund, warum ihm der Sprung von Wild Bill Vanvleck zu
dem, was man mehr oder weniger als Publikumsfilm bezeichnen könnte, gelang.
Natürlich war Jack nach wie vor hauptsächlich für seine Rollen in
Frauenkleidern bekannt, aber mit einemmal war er seriös.
    Es war eine große Überraschung, daß Jack für den Oscar nominiert wurde
– er hatte nicht gedacht, daß man einen Limousinenchauffeur mit einem Faible
für Frauenkleider derart sympathisch finden würde. Es war dagegen keine
Überraschung, daß er den Oscar in diesem Jahr nicht bekam. Auch Mary Kendall
war zum ersten Mal für einen Oscar nominiert worden, und auch sie bekam ihn
nicht. Aber sie waren beide

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