Bismarck 04
Artillerie. Die San-Schlacht hat insofern theoretische Bedeutung, als sie zum Entsatz einer Festung unmittelbar vor deren Toren geliefert wurde, wie einst bei Alesia und Turin, im ersteren Fall mißglückend für das Entsatzheer, im zweiten für den Belagerer. Der Großfürst, später auch persönlich in Nähe Lembergs erscheinend, lenkte Iwanows Bewegungen meisterlich und hätte Mackensen leicht in verzweifelte Lage am rechten Ufer gebracht durch den Stoß am linken Ufer im San-Winkel, wenn er mit Österreichern zu tun hatte. Mackensens Gegenstoß am rechten Flügel mit Garde und Arz glückte freilich, doch eben nur wegen der großartigen taktischen Überlegenheit deutscher Truppen. Daß seine Linke nicht zerbrach, verdankte er der unbrechbaren Festigkeit der Niedersachsen, wobei hier Oldenburger und Braunschweiger wetteiferten. Mackensen handelte mit einer Verwegenheit, die man immer lobt, wenn sie Erfolg hat, immer tadelt, wenn sie bestraft wird. Maßnahmen, die nur mit übermenschlicher Leistung der Truppen rechnen, darf man nicht billigen, denn es könnte eben da auch anders kommen. Den Zweck, russische Teile in die Festung abzudrängen und jede Verbindung zwischen ihr und dem Entsatzheer zu lockern, erreichte man gar nicht, es blieb frontales Abringen, das nur den Nordfaktor der Festung freilegte. Mackensen spielte als Hazardeur, der auf sein Glück baut. Nun, es heißt ja »Sulla Felix«, »Cäsar und sein Glück«, Marmont rief bei Elbodon, als ihm die Beute entrann: »Auch Wellington hat seinen Stern«, doch der Stern war eben seine eigene Unfähigkeit, das Glück zu erfassen. Cäsar hatte stets unfähige Führer gegen sich, Mackensen aber hier einen ihm geistig weit überlegenern Feldherrn, und doch überstand er die Krise? Jawohl, sein »Glück« war einfach sein unbesiegbares Heer. Im übrigen bewahrheitet sich unsere Kritik, daß Rechtsstaffelung nichts entscheiden konnte, da die linke Flanke stets gefährdet blieb, zumal Ewert damals noch bei Opatow-Kielce sich von Dankl-Woyrsch nicht aus dem Stand heben ließ und tatsächlich später den Erzh. beunruhigte. Hier lag natürliche Schwäche, um so mehr als starke Abgaben zum Isonzo schwächten; erst im Juni durch Dankl's 6., 17. K. ersetzt. Nur starke Linksstaffelung hätte den Feind zwischen Dunajec und San früher gebrochen, früher den San erreicht und Przmysl rechtzeitig nach Osten abgeschnitten. Das lange frontale Raufen gab den Russen obendrein den Gewinn, daß sie alle Zeit behielten, vor Lemberg gewaltige Schanzlinien zu errichten. Wohl hatte Mackensen seinen Stern Soldatenglück auf Kosten seines Heeres, das sein rücksichtsloses Nichtmanövrieren zu büßen hatte, doch diese Art Glück ist treulos, das Ende trägt die Last.
Lemberg! schrie jetzt die ganze Donaumonarchie. Die ganze? Bei den Ruthenen rollte oft der russische Rubel, von Tschechen und andern Slaven war nichts zu erwarten als widerwillige Heimtücke und offenes Überlaufen. Jene »böhmischen« Regimenter, die sich brav schlugen, bestanden aus Deutsch-Böhmen wie 6. Eger, 32. Tetschen, die ein besonderer Armeebefehl lobte neben 31. Neu-Sandek. Letzteres also Ruthenen und neben Pflanzers Steirern hielten sich brav die Kroaten. Wir denken nicht daran, den Magyaren ihren Ruf zu schmälern, obschon wir keine Lust haben, andern als deutschen Brüdern von Wien bis Innsbruck ein Lob zu singen. Jedenfalls ragten aber das 61. Rgt. Banater Schwaben oder jenes schlichte westungarische Rgt. aus dem deutschen Karpathenkomitat hervor, das im Vorjahr mit zwei Drittel Verlust den Höhenkamm Polichna erstürmte. Die Walachen und Szekler des 12. Siebenbürger K. Köweß (jetzt unter Woyrsch) taten trefflich ihre Pflicht, doch 51. Hermannstädter Sachsen am meisten. Gendarmerieoberst Fischer, der Schill der Bukowina, war ein dortgebürtiger Deutscher. Das Tiroler »Edelweißkorps« genoß besondere Volkstümlichkeit und es war erfreulich, daß es mit Besser's Norddeutschen Schulter an Schulter focht, wie freilich auch Szurmays Magyaren mit den Norddeutschen des grimmen Bothmer am Dnjestr treue Kameradschaft hielten.
Diese Waffengenossenschaft zu zermürben hielt Nikolaiwitsch, die größte Persönlichkeit auf Ententeseite, durch ruchloses Vergeuden von Millionen Muschikleben immer noch für möglich. Doch Unkenntnis der wahren Kriegsgeschichte bleibt ein unberechenbarer Rechenfehler. Wie die Franzosen stets Napoleons Genie mit Frankreichs Gloire verwechseln, so erzieht man Briten und Russen im
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