Breit - Mein Leben als Kiffer
Wohnzimmer wird die
große Anlage meiner Mutter angeworfen.
Überall Aschenbecher und Bierflaschen. Wir
wollen feiern – als hätten wir heute zum letzten
Mal die Gelegenheit dazu. Anfangs husten wir
noch alle. Mit der Zeit gewöhnen wir uns aber
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an das raue Kratzen im Hals. Später ziehen wir
noch einen Kopf durch.
«Der Nachteil mit Fixen aufzuhören war, dass
ich meinen Freunden jetzt wieder im Zustand
völliger geistiger Klarheit begegnen musste. Es
war übel, sie erinnerten mich so sehr an mich
selbst, dass ich ihren Anblick kaum ertragen
konnte», sagt Mark Renton gerade in
Trainspotting . Einen kurzen Moment denke ich
wieder an Christian und an das, was er über die
Jungs gesagt hat. Wieder entspricht die Film-
und Fernsehwelt genau dem, was ich selbst
gerade erlebe und denke. Als hätten die
Filmleute auch das Drehbuch meines Lebens
geschrieben.
Obwohl ich im Moment natürlich nicht
vorhabe, mit dem Kiffen aufzuhören, denn der
Spaß geht ja jetzt erst richtig los. An die
Zukunft kann und will ich momentan nicht
denken, denn eins steht fest: Mit meiner
jetzigen Einstellung werde ich auf gar keinen
Fall mein Abitur schaffen.
«Amon, Digger, ich hab grad so viel von dem
Wodka geext, sooo viel!», ruft Florian mir zu,
völlig betrunken, lallend.
«Und wie fühlst du dich?», frage ich ihn.
«Ich bin so derbe breit. Ich bin soooooooo
derbe breit, Digger!»
Eine halbe Stunde später posieren wir mit
verrückten Verkleidungen und Hüten neben
dem über einen Eimer gebeugten, kotzenden
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Florian und machen Polaroid-Fotos. Unsere
erste Bongsession endet morgens um sechs,
heiter und ausgelassen. Die Bong bekommt von
uns einen Namen: Mark Marley – nach Bob
Marley und Mark Renton.
Am nächsten Tag beschließen wir, alle
gemeinsam auf eine Party zu gehen. Damit es
nicht so teuer wird, besaufen wir uns im Vorfeld
heftig und stopfen uns Agenten, unauffällige
Minijoints. Man zieht mit den Zähnen den Filter
einer normalen Zigarette heraus, steckt einen
durchlässigen Jointfilter rein, bröselt vorsichtig
die Hälfte des Tabaks raus und stopft die
Zigarette mit einer starken Grasmische.
Als wir an einer U-Bahn-Station umsteigen
müssen, hören wir plötzlich ein Würgen und
Platschen. Florian kotzt. Wir sind alle selbst viel
zu betrunken, um uns um ihn zu kümmern, und
torkeln, leicht nach vorne gebeugt, über den
Bahnsteig. Im letzten Moment springen wir in
die Bahn, bevor die Türen mit einem lauten
Knall schließen. Als die U-Bahn anfährt, muss
Florian mitten im Gehen wieder kotzen, und
alles spritzt links und rechts gegen die
Fensterscheiben. Wir wissen nicht, ob wir vor
Scham im Boden versinken oder uns totlachen
sollen. Florian gibt nur noch ein Stöhnen von
sich. Jetzt muss auch ich kotzen – Jan direkt
auf den Schoß. Er regt sich höllisch auf und
beschließt, die Party sausen zu lassen, steigt
bei der nächsten Gelegenheit aus und zeigt mir
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den Mittelfinger. Florian und ich fahren bis zum
Kiez weiter, kaufen uns an einer Tankstelle Cola
und fühlen uns nach einer kurzen
Regenerationsphase wieder frisch und bereit für
den Rest des Abends.
Partys werden für uns immer wichtiger.
Langsam fühlen wir uns zugehörig, werden Teil
eines riesigen Netzwerkes, der großen
Kifferfamilie. Als Kiffer lernt man überall und
ständig Leute kennen und tauscht mit ihnen
allerlei Geschichten über Graffiti-Sprüher,
Abgezogene und Abzieher und natürlich über
sichere Bezugsquellen aus. So auch diesmal.
Bis zum frühen Morgen sitzen wir rum, kiffen,
hören Musik und erzählen uns die neuesten
Gerüchte. Dirk ist auch da, aber außer einem
kurzen «Alles klar, Alter?» wechseln wir kein
Wort. In der Schule reden wir kaum
miteinander, gehen uns aus dem Weg. Warum
hier also freundlich tun?
Am Ende sind nur noch Torsten, ein Typ aus
meiner Schule, und ich übrig. Die Party ist
vorbei. Torsten liegt kotzend auf dem
Deichtorhallenplatz auf einer Bank, während
ich, davon völlig unberührt, mit einem Fahrrad,
das auf dem Gelände herumstand, immer enger
werdende Kreise fahre. Ich konzentriere mich
auf meine Kreise und versuche, sie so eng wie
möglich zu fahren. Bis ich hinfalle und ein
heftiger Schmerz meine Schulter durchzuckt.
Ich muss nach Hause. Und Torsten auch.
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Schließlich stützt er sich bei mir ab, und wir
schleppen uns Richtung Hauptstraße.
«He Torsten, Mann, ich glaube,
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