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Buerger, ohne Arbeit

Titel: Buerger, ohne Arbeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolfgang Engler
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psychisch
     entspannten Arbeitsgesellschaft soll diesen |264| Nachweis führen. Sie orientiert sich an skandinavischen Erfahrungen, speziell am dänischen Modell. – Klagen über zu hohe Lohnnebenkosten
     finden dort kaum Widerhall. Kranken- und Rentenversicherung werden aus allgemeinen Steuern bestritten und trüben die Geschäftsbilanzen
     nicht. In die Arbeitslosenversicherung speisen alle Beschäftigten einen einheitlichen, nicht allzu hohen Beitrag ein.
    Einfach und leicht durchschaubar gestaltet sich auch die Besteuerung der Geschäftserträge. Der steuerliche Höchstsatz liegt
     bei komfortablen dreißig Prozent, fließt freilich auch als Regelsatz Staat und Kommunen zu. Dank der weitgehenden Abschaffung
     von Ausnahmen und Sonderbestimmungen stößt die innere Steuerflucht ins Leere; der äußeren der Privatpersonen verstopft der
     Grundsatz »Staatsbürgerschaft geht vor Wohnort« die sonst üblichen Kanäle. Die Transparenz des Verfahrens reduziert den bürokratischen
     Aufwand auf beiden Seiten der Steuerfront auf das sachlich Unvermeidbare, und dasselbe gilt für die anfallenden Kosten. In
     ihrer Eigenschaft als Gehaltsempfänger verspüren Unternehmer und Spitzenverdiener dagegen die ganze Härte einer Steuerprogression,
     die die Menschen ihrer jeweiligen Belastbarkeit gemäß zur Finanzierung öffentlicher Güter heranzieht.
    Schlichtheit, gepaart mit Effizienz, zeichnet auch den Sozialstaat aus. Arbeitslose über fünfundzwanzig Jahre erhalten für
     ein Jahr neunzig Prozent der letzten Nettobezüge. Finden sie in diesem Zeitraum keine neue Stelle, unterstehen sie der Arbeitspflicht,
     der sie auch dann genügen, wenn sie ihre Fähigkeiten sinnvoll schulen. Aufgrund dieser ebenso klaren wie unumstößlichen Prinzipien
     entfällt der Zwang zur Offenlegung der persönlichen, insbesondere materiellen Lebensumstände, die demütigende Verrechnung
     künftiger Lebenschancen mit gegenwärtigen sowie die amtliche Inanspruchnahme von Verwandten für den Unterhalt sozial Gestrauchelter;
     institutionalisierte Risikoprävention ersetzt den leidigen »Beziehungsclinch«.
    |265| Ähnlich einsichtig, freizügig und zugleich sozial verbindlich verläuft das wirtschaftliche Leben. Es räumt den überwiegend
     kleinen und mittleren Unternehmen ein Höchstmaß an operativer Freiheit ein. Die Arbeitsverträge enthalten keine Hinweise auf
     Kündigungsfristen und die Rahmentarife sehen für Entlassungen oder Firmenabwicklungen keine Sozialpläne vor. Wer Mitarbeiter
     einstellt, muß daher nicht schon prophylaktisch an die Scheidung denken. Wer Arbeit nachfragt, trägt, für den Einzelunternehmer,
     kein kostspieliges Sozialpaket mit auf dem Rücken. Gesamtgesellschaftlich gesehen, reist er mit viel Gepäck, in einer eigenen
     Equipage. Wer die Arbeit vorübergehend verliert, verliert weder Sicherheit noch Perspektive. Die großzügigen sozialen Garantien
     ermutigen die Beschäftigten zu befristetem Ausstieg aus der Arbeit, zu Bildungs- oder Familienzwecken, was wiederum anderen
     Erwerbsmöglichkeiten eröffnet, während derer sie ihre Kenntnisse und ihre Fertigkeiten aktualisieren können; ein weiterer
     Beleg für die These, daß nur Menschen, die ihrer gesellschaftlichen Stellung sicher sind, Freiheiten verantwortungsvoll wahrzunehmen
     wissen. Die Kombination von unternehmerischer Flexibilität und persönlicher Sicherheit funktioniert auf der Grundlage hoher
     Bruttolöhne, die die immense individuelle Steuerlast auffangen sowie auf der von Wahl zu Wahl erneuerten Entscheidung für
     ein im Gleichheitsideal verankertes System der Lebensführung. 281
    2. Das Beispiel unseres nördlichen Nachbarn demonstriert überzeugend, daß die Grenzen des volkswirtschaftlichen Sachverstands
     spürbar erweitert werden können, wenn die vielleicht kostbarste Ressource des gesellschaftlichen Zusammenhalts – der gewachsene
     Gemeinsinn der Menschen – nicht fahrlässig vergeudet wird. Mag sein, daß kleine Nationen diesen Gemeinsinn leichter mobilisieren
     können als größere und komplexere Einheiten. Der gewohnheitsmäßige »Sozialdemokratismus« der Mehrheiten ist jedoch auch in
     diesen lebendig und jederzeit politisch abrufbar; man muß es nur wollen. – Würde Deutschland nach diesen Maßgaben |266| reformiert statt nach den Dogmen des einheimischen Denkkartells, segelte die Gegenreform nicht länger unter der Flagge von
     Reformen, würden diese selbst ihren Namen wieder ehren, stünden Sparprogramme, Haushalts-

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