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Club der gebrochenen Herzen

Club der gebrochenen Herzen

Titel: Club der gebrochenen Herzen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Deborah Moggach
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straffe, trockene Haut, von der Gartenarbeit gebräunt. Der flache Bauch einer Tänzerin. Nach all den Jahren bereitete ihr Aussehen Harold immer noch Freude.
    Pia zuckte mit den Achseln und ging an ihm vorbei, um ihre Setzlinge zu wässern. Es gab ganze Reihen davon, alle auf dem Fensterbrett zusammengedrängt. Harold beugte sich über seinen Computer, wie ein Kind, das sich bei einer Prüfung nicht aufs Blatt schauen lassen will. Hinter ihm pustete sie mit ihrem Sprühdings auf die Pflänzchen. Wassernebel wehte auf sein offenes Notizbuch, das auf einem Stuhl in der Nähe lag. Es war eine Seite mit Notizen zu einem der Charaktere. Er sah zu, wie seine Schrift sich auflöste, und mit ihr die Figur, aber er protestierte nicht. Pia würde durchblicken lassen, es sei seine Schuld, er habe es ja dort hingelegt.
    »Ich glaube, du tust nur so«, sagte sie. »Ich glaube, du sitzt da und lädst dir Pornos runter.«
    »Na gut, dann sag ich's dir.« Harold holte Atem. »Es ist ein komischer Roman, den eine Katze von Mary Pickford erzählt.«
    »Was?«
    »Film und Katzen, bombensicher ein Bestseller.«
    »Aber Katzen können nicht reden«, sagte Pia.
    »Stummfilmstars auch nicht.«
    »Natürlich können sie das«, seufzte sie. »Du kannst sie nur nicht hören. Egal, hatte Mary Pickford eine Katze?«
    »Jeder hat irgendwann einmal eine Katze.«
    »O. k., o. k.«, sagte Pia plötzlich gelangweilt. Sie rieb sich die Nase mit dem Finger und hinterließ einen Schmutzfleck. Sie schaute sich im Zimmer um. »Du solltest wirklich die Putzfrau hier reinlassen.«
    »Nicht, bevor ich das Buch zu Ende habe.«
    Die Wörter hingen in der Luft – und wann mochte das sein ?
    Harold vermutete, dass Pia sich nur mäßig für seinen Roman interessierte. Obwohl sie ein Kulturzentrum leitete, war sie keine Intellektuelle; Tanz und Theater waren eher ihre Sache, je exotischer, desto besser. Es hatte sie lediglich interessiert, wie lange das Ganze brauchte.
    Das wüsste er selbst auch gerne. Nachdem er jahrelang Vorlesungen über den Roman gehalten hatte, war er sich sicher, dass er rudimentäre Kenntnisse im Schreiben eines Romans besaß – immerhin war seine Einführung in amerikanische Erzählliteratur die beliebteste Lehreinheit am Holloway College gewesen. Er konnte ganze Seiten von Humboldts Vermächtnis auswendig zitieren; etwas davon musste doch in sein Unterbewusstsein gesickert sein oder wo immer sich seine Kreativität befand. Aber wie zum Teufel fing man damit an? Er fühlte sich wie ein frisch ausgebildeter Pilot in einem riesigen, leeren Jumbojet, der auf der Rollbahn steht; er kannte jeden Schalter an der Instrumententafel, hatte aber keine Ahnung, wie man abhebt. Angst vorm Fliegen , dachte er; noch eins der Bücher auf seiner Standardliste.
    Er hatte seinen Roman schon oft angefangen. Aber sobald er einen Abschnitt geschrieben hatte, griff sein innerer Kritiker ein, und er begann seine Worte so erbarmungslos auseinanderzuzupfen, dass nur noch Bruchstücke übrig blieben. Und wo genau fing man denn an? Mit der Geburt der Katze? Mary Pickfords erstem Film? Wie sollte diese verdammte Katze überhaupt sprechen, gelegentlich miauen? Wochenlang hatte Harold am Schreibtisch gesessen, fast starr vor Panik, während die Fotos von Amerikas einstigem Liebling, Schmachtlocken und so, die er mit Klebeband an der Wand befestigt hatte, affektiert auf ihn herablächelten. Glaubst du wirklich, du kannst dich mit mir anlegen, du talentloser Zwerg?
    »Ich bin weg«, sagte Pia.
    »Was, jetzt?«
    »Wieso nicht?«
    »Ich dachte, wir äßen zusammen Mittag.«
    Pia wurde rot. »Nein, Schatz, das hab ich dir schon gesagt. Ich muss zu einer Sitzung wegen der Kürzungen im Kulturetat.«
    »An einem Sonntag?«
    »Der einzige Termin, an dem wir allesamt können.«
    Er wollte schon sagen, aber ihr seid doch die ganze Woche zusammen . Warum hatte sie ihn Schatz genannt? Pia stand da und fuhr sich mit dem Daumen über eine Augenbraue, dabei schaute sie fahrig in seinem Arbeitszimmer herum. Er wusste, dass sie sich wegsehnte, aber nicht zu begierig aussehen wollte. Ein Sonnenstrahl erfasste sie – eine nordische Göttin mit blondem Flatterhaar und ausweichenden blauen Augen.
    »Es dauert nicht lange.« Sie küsste ihn auf den Scheitel, im nächsten Moment war sie verschwunden. Unten schlug die Eingangstür zu. Aus irgendeinem Grund sprang Harold auf und eilte hinüber zum Schlafzimmer. Aus dem Fenster sah er, wie sie rasch den Weg entlangging und sich den

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