Coaching - Eine Einfuehrung fuer Praxis und Ausbildung
Szene aus ihrem beruflichen Alltag vorzustellen, die bislang
für sie unbefriedigend war.
Die Abteilungsleiterin eines Unternehmens äußerte Unbehagen über die Kooperation mit einem ihrer Vorgesetzten. Die Rekonstruktion
erbrachte, dass der Kommunikationsstil dieses Vorgesetzten einen »regelrechten Zwang« auf sie ausübte, »sich wie ein kleines
Mädchen zu fühlen«. Die Abteilungsleiterin wollte nun erarbeiten, wie sie sich aus »dieser idiotischen Rolle befreien« könne.
Je mehr sie sich klarmachte, dass sie zehn Jahre älter war als der Vorgesetzte und dementsprechend über mehr Lebenserfahrung
verfügte, desto deutlicher erbitterte sie die bisherige Interaktionsdynamik. Während sie nun eine Unterredung mit dem Vorgesetzten,
die einige Tage vorher tatsächlich stattgefunden hatte, imaginierte und in ihr auf eine selbstbewusstere Weise agieren wollte,
gelang es ihr auch wieder nur sehr unvollkommen, eine ihr angemessene Selbstachtung zu wahren. Im Rollentausch mit dem Vorgesetzten
nahm sie nun aber wahr, wie dieser geradezu peinlich wachte, die gesamte Relation zur unterstellten Mitarbeiterin zu kontrollieren
(
Haley
1963). Ihr schien es jetzt so, als wenn der jüngere Mann geradezu krampfhaft versuchte, ihr gegenüber seine Überlegenheit
zu demonstrieren. In der nochmal imaginierten Szene versuchte sie, spielerisch dem Vorgesetzten gegenüber unterschiedlichste
Handlungsweisen zu aktualisieren, um auszuprobieren, wodurch sie seine Kontrollhaltung mildern oder erhöhen könne. Im Verlauf
ihrer Experimente stellte sie bei sich selbst fest, dass sie ihn durch ihre Kleinmädchenhaftigkeit unbewusst zu vergewissern
suchte. Wenn sie sich aber im Rollenspiel authentischer verhielt, glaubte sie wahrzunehmen, dass der Vorgesetzte auch weniger
kontrollierend sei. Mit dieser Intention bereitete sie sich im Rollenspiel noch auf ein Gespräch an einem der nächsten Tage
vor. Als sie in der nachfolgenden Coaching-Sitzung das Gespräch mit dem Vorgesetzten vorspielte, wirkte sie weitaus selbstverständlicher
als bisher, worauf auch der Vorgesetzte unbewusst auf eine selbstverständlichere Haltung eingependelt war. Ermutigt durch
die bisherige Entwicklung »übte« sie nun noch einige Male, wie sie dem Vorgesetzten noch altersangemessener begegnen könne.
Auf diese Weise erwarb sie insgesamt ein breiteres Handlungsrepertoire als berufstätige Frau.
Wie dieses Beispiel zeigt, erfolgt ein solches Training nicht im Sinne von Selbstmanipulation. Hierbei wird lediglich das
»stille«, bislang noch |188| nicht aktualisierte Repertoire von Handlungsmustern aktiviert. Das Experimentieren mit neuen Handlungsformen erfolgt so lange,
bis der Klient eine für sich und sein Gegenüber stimmige Form gefunden hat. Die im Schon- und Experimentierraum des Coaching
erarbeiteten Muster müssen dann in Alltagshandeln transferiert werden.
Durch die imaginativen Arbeitsformen bei solchen Trainings erhält das Üben oft schon Ernstcharakter, sodass die Klienten oft
selbst erstaunt sind, wie gut ihnen der Transfer gelingt. In vielen anderen Fällen wollen sie aber noch weiter an ihrem Handlungsinventarium
feilen und es im Coaching umfassender ausbauen.
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3. Der Interaktionsstil beim Coaching
Wie anlässlich der konzeptionellen Anforderungen an den Coach angesprochen, bezeichnet der Begriff »Interaktionsstil« nicht
nur eine persönlichkeitsspezifische Kommunikationsform, mit der Berater gegenüber Klienten interagieren, sondern er ist mindestens
ebenso deutlich als konzeptionelles Element eines Coaching-Ansatzes zu begreifen. In diesem Sinn sollte der Interaktionsstil
Anschluss an anthropologische Positionen aufweisen, die dem Ansatz generell zugrunde liegen. Nach einer allgemeinen Charakterisierung
des hier propagierten Interaktionsstils will ich ihn im Hinblick auf einige wesentliche Komponenten umreißen.
3.1 Allgemeine Charakterisierung des Interaktionsstils
Ein Coaching-Konzept, das auf die Entwicklung von Selbstmanagement gerichtet ist, muss vom Coch einen Interaktionsstil fordern,
der auf die Herstellung von
Subjekt-Subjekt-Beziehungen
abzielt. Dabei begegnet der Coach seinen Klienten grundsätzlich wertschätzend. Er begegnet ihnen außerdem maximal offen, also
ohne hintergründige strategische Absichten, und er begegnet ihnen maximal symmetrisch, also ohne unangemessenen Dominanzanspruch.
Außerdem wird er alle vorgetragenen Anliegen
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