Dämonen-Reihe Bd. 4 Traumsplitter
war es Sören mit Eikes Unterstützung gelungen, Kimi davon zu überzeugen, dass es bloß um ein familiäres Abendessen ohne Hintergedanken
ginge. Das Essen verlief zwar sehr angespannt, weil niemand so recht wusste, wie mit der neuen Situation umzugehen war, trotzdem war es ein nettes Treffen.
»Ich schaue Kimi an und warte darauf, dass meine Gefühle für ihn aus der Zeit vor
Bernadette zurückkehren, aber das tun sie nicht«, erzählte Liv Ella in der Küche, wo sie beide das Geschirr für den Nachtisch bereitstellten.
»Bist du dir sicher, dass da nichts ist?« Ella hatte sich so gewünscht, dass nun zumindest für Kimi und seine Eltern alles gut wurde.
Liv knabberte auf ihrer kirschrot geschminkten Unterlippe. »Leider nicht diese mütterlichen Gefühle, auf die ich gehofft habe. Dafür aber etwas anderes … Sympathie. Wie ein leises Pochen in der Tiefe.« Plötzlich stieß sie ein glucksendes Geräusch aus und lächelte, als hätte sie sich mit dieser Regung selbst überrascht. »Ich mag ihn, diesen verrückten
Burschen. Und ich mag mich selbst dafür. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.«
Einen Moment lang staunte Ella noch über dieses Bekenntnis, dann tat sie etwas, was sie nie im Leben für möglich gehalten hätte: Sie umarmte ihre Schwägerin, und zu ihrer noch größeren Überraschung ließ diese es zu.
Livs Wangen glühten, als Ella sie wieder losließ. »Und was ist mit dir, hast du von
Bernadette bekommen, was du wolltest?«
»Ich weiß es nicht«, gestand Ella ein.
Später, nachdem Sören und Liv gegangen waren und Kimi sich mit einem Fotoband von
Robert Mapplethorpe auf sein Zimmer verzogen hatte, wuschen Ella und ihr Vater
gemeinsam ab.
»Der Graben zwischen Kimi und seinen Eltern ist tiefer, als ich es mir vorgestellt habe. Das zu sehen, tut mir wirklich weh. Vor allem, weil ich nicht mitbekommen habe, wie ihre Familie auseinanderdriftete. Die Distanz zwischen den Kontinenten ist wohl zu groß … Na ja,
wenigstens
haben
sieeinander
nicht
die
Köpfe
eingeschlagen
oder
sich
mit
Schuldzuweisungen torpediert, obwohl es manchmal verdächtig danach aussah. Ich würde sagen: immerhin ein Anfang, wenn auch ein zäher«, dachte Eike laut nach. »Es wird Geduld und guten Willen auf beiden Seiten brauchen, wenn die drei sich einander wieder annähern wollen.«
»Ich würde trotzdem darauf wetten, dass es ihnen gelingt. Und notfalls haben sie jetzt ja dich. Du betäubst sie mit gutem Essen, dann sind sie zu träge, um gemein zueinander zu sein.« Ella schenkte ihrem Vater ein Lächeln, dessen Wärme sie nicht spürte, aber Eike erwiderte es trotzdem.
»Ja, das denke ich auch. Und was ist mit dem Graben, der dich von mir und deiner Mutter fernhält?«
»Was denn für ein Graben? Zwischen uns ist doch alles super in Ordnung, Papa. So wie immer.« Seine Anspielung war für Ella nur schwer zu ertragen. »Es tut mir leid, wenn ich dir kein richtig herzliches Willkommen bereitet habe. Vermutlich bin ich einfach zu platt nach dem ganzen Stress in den letzten Wochen. Ich bin mehr als froh, dass du da bist, obwohl die meisten Baustellen ja bereits gemeistert sind. Dein Besuch ist wichtig für mich, selbst wenn ich das im Augenblick nicht zeigen kann.«
»Weil du mit deinen Gedanken ganz woanders bist.« Eike konnte man nicht täuschen, das wusste Ella nur allzu gut. Aber auch so hätte sie kaum die Kraft aufgebracht, ihm etwas vorzuspielen. »Es hängt mit dem jungen Mann zusammen, der das Zimmer mit dem Futon
bewohnt. So viel habe ich mir bereits allein zusammengereimt. Wo steckt er denn?«
Ella schwieg, denn sie kannte die Antwort auf diese Frage nicht. Stattdessen sah sie zum Fenster hinaus in den Garten, der seit drei Nächten nicht mehr als grüner Baumbestand und ein Blütenmeer für sie war. Ohne jeden Zauber, ohne eine Spur, die zu Gabriel führte.
Später hörte sie, wie ihr Vater ein geflüstertes Telefonat führte. Eike Johansen war großartig darin, Probleme zu managen, aber in einem Fall von akutem Liebeskummer zog er offenbar lieber die Meinung seiner Frau zurate – falls Ella die Satzbrocken wie »Sie leidet still, es ist unmöglich, an sie heranzukommen« und »Der Kerl ist auf und davon, und sie scheint nicht die geringste Ahnung zu haben, wo er steckt« richtig deutete.
Nun saß Ella im Spiegelzimmer. Sie wollte allein sein und still leiden, da lag ihr Vater absolut richtig mit seiner Vermutung. Aber noch mehr sehnte sie sich nach Antworten. Der Traum, in dem
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