Das Auge von Tibet
während Jowa die Wände abschritt und die ehrfürchtige Ausstrahlung der Kammer auf sich wirken ließ. »Ich glaube, du hast es gefunden«, sagte Shan. »Eines der Yakde-gompas.«
Auf einen Hocker neben dem Fenster hatte man einen kleinen bronzenen Buddha von nicht mehr als zwanzig Zentimetern Höhe gestellt. Sein Gesicht wies in Richtung des Tals, als wolle man ihn das Wasser betrachten lassen, das wie ein Stück Himmel aussah. Oder vielleicht auch, damit er Wache halten würde.
Die kleine Figur war ebenfalls mit Staub bedeckt. Jowa blieb neben ihr stehen, zog einen Zipfel seines Hemdes heraus und wischte nicht etwa den Buddha, sondern die umliegende Sitzfläche des Hockers sauber, so wie ein Mönch einen Altar reinigen würde, ohne die heiligen Gegenstände zu berühren. Als er damit fertig war, schaute er erst zur Tür und dann wieder zu Shan. Erst da wurde den beiden Männern bewußt, daß Bajys sich nicht zu ihnen gesellt hatte.
Sie kehrten in die erste Kammer zurück und öffneten die andere Tür. Sie schwang geräuschlos auf und gab den Blick auf einen halbdunklen Gang frei. Shan und Jowa folgten seinem Verlauf vorbei an einem halben Dutzend Meditationszellen und stiegen dann eine weitere uralte Steintreppe hinab.
Während Shan die Treppe und die umliegenden Felswände musterte, wurde ihm klar, daß der Berg tatsächlich in einer Folge von großen, stufenähnlichen Vorsprüngen zum Tal hin abfiel. Was er von oben gesehen hatte, waren die Felsplatten gewesen, die als Dächer der auf den Vorsprüngen errichteten Gebäude fungierten.
Die Tür am Fuß der zweiten Stiege öffnete sich in einen langen Korridor. Es war hier deutlich wärmer, und in der Luft lag neben einem Hauch Weihrauch und Butter auch der leicht beißende Geruch von getrocknetem Tierdung, der in den Kohlenpfannen verbrannt wurde. Sie kamen an weiteren Zellen vorbei und stießen eine schwere, mit eisernen Schmiedearbeiten verzierte Holztür auf. Dahinter lag ein großer Raum, der dank zweier Fenster in helles Tageslicht getaucht wurde. Eine der Öffnungen war durch eine einfache gerahmte Scheibe verschlossen, deren Glas uneben und von vielen Luftblasen durchsetzt war. Vor der anderen hing ein Stück durchsichtige Plastikfolie und wölbte sich geräuschvoll im Wind.
Rund um eine große schwelende Kohlenpfanne saßen sechs Männer, die alle verblichene kastanienbraune Roben trugen. Einige von ihnen hielten lange rechteckige pecha -Blätter in den Händen und waren offenbar damit beschäftigt gewesen, den anderen die Texte vorzulesen. Auch der alte Mann mit der pergamentenen Haut saß hier und hatte mittlerweile seinen Mantel und die Mütze abgelegt. Zu Shans Überraschung war Bajys soeben dabei, den Mönchen Tee zu servieren, als wäre er der Gastgeber oder ein Novize des Klosters, der mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut war.
Der Boden war vollständig mit einander überlappenden und stellenweise fast durchgescheuerten Teppichen ausgelegt. Die Wände hatte man mit duftendem Holz verkleidet.
Als Shan vortrat, schauten ihm die Mönche mit weit aufgerissenen Augen und neugierigen Mienen entgegen. Ein kahlköpfiger Mann, der merklich älter als Shan, aber eindeutig der Jüngste der Gruppe war, warf einen kurzen Blick auf die rückwärtige Wand, wo an einigen Haken Kleidungsstücke hingen, und bestätigte damit Shans Verdacht, daß dieses Kloster keine Lizenz besaß. Wenn Chinesen kamen, zogen die Mönche Bauernkleidung an.
Jowa und Shan sahen sich an. Dem purba war es ebenfalls aufgefallen. Über dem Eingang des letzten Klosters, das Shan besucht hatte, hatte ein Banner gehangen: Buddhismus und chinesischer Sozialismus gehen Hand in Hand. Urheber dieses Slogans war das Demokratische Verwaltungskomitee des gompa gewesen, das vom Büro für Religiöse Angelegenheiten eingesetzte Gremium zur Beaufsichtigung aller Belange des Klosters. Bevor die Komiteemitglieder durch die Regierung in ihr Amt berufen wurden, mußten sie eine sorgfältige Überprüfung durch Politoffiziere über sich ergehen lassen. Das Komitee war unter anderem dafür verantwortlich, daß alle Mönche eine Verpflichtung unterschrieben, sich jeglicher politischer Betätigung zu enthalten.
Bajys entschärfte die Anspannung im Raum, indem er vortrat und auch Shan und Jowa Tee anbot. Schweigend nahmen sie im Kreis der Mönche Platz. Dieses Kloster hatte weder ein Verwaltungskomitee noch Politoffiziere oder Lizenzen für die Mönche. Falls die Behörden es entdeckten, würde man
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