Das Auge von Tibet
schwenkten den Zauber. Ich sagte, wenigstens die Frau sollte herkommen, um in Sicherheit abzuwarten, daß ihr Handgelenk heilt. Einige von uns passen derweil auf ihre Schafe auf.«
Es war die dropka , die Pflegemutter des toten Alta.
Shan stieg über einige schlafende Menschen hinweg und hockte sich neben die Frau. »Ich hoffe, Ihrer Hand geht es besser«, sagte er.
»Der Heiler hier sagt, ich kann sie schon bald wieder benutzen«, erwiderte sie. Das gebrochene Handgelenk ruhte auf ihrem Knie. Mit dem anderen Arm stützte sie sich auf irgendeinen Gegenstand, als verliehe der ihr besonderen Halt. Shan sah genauer hin. Es handelte sich um den Zauber, die heilige Bannformel, die Gendun an Altas Todestag angefertigt hatte.
»Ich möchte Sie etwas Wichtiges fragen«, sagte Shan. »Es tut mir leid, wenn ich dabei an schmerzliche Erinnerungen rühre. Aber wir versuchen noch immer, die Sache zu begreifen. Als Sie den Mörder gesehen haben, hat er da etwas zu dem Jungen gesagt? Hat er irgendwelche Fragen gestellt?«
Die Frau runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Dann schüttelte sie allmählich den Kopf. »Nein. Keine Worte. Nur Geräusche.«
»Sie haben gesagt, er wurde von einem Blitz weggerufen. Sind Sie sicher? Zu dieser Jahreszeit sind Blitze in den Bergen selten.«
»Doch, ganz bestimmt. Er sah den Blitz und ist mit dem Schuh des Jungen weggelaufen.«
»Ist dir irgendwas an den Geräuschen bekannt vorgekommen?« fragte Jowa über Shans Schulter hinweg. Er sprach Mandarin.
Die Frau sah ihn fragend an.
Shan schaute kurz zu Jowa und nickte. Sie verstand kein Mandarin.
»Er hat nichts gesagt«, versicherte sie abermals. »Nicht in irgendeiner Sprache. Er hat nur Geräusche von sich gegeben, wie ein Tier, und zwar als er den Blitz sah.«
»Können Sie sich noch an diese Geräusche erinnern?« fragte Shan.
Die Frau verzog das Gesicht und senkte den Kopf. »Das werde ich nie vergessen. Ich höre es in meinen Alpträumen. Ein bellendes Geräusch, wie es Dämonen von sich geben. Kau ni«, sagte sie und starrte in die Dunkelheit. »Kau ni ma swi. So ungefähr.«
»Cao ni ma«, flüsterte Jowa. Es war ein Fluch in Mandarin. Fick deine Mutter, Sui.
Sie nickten der Frau dankbar zu und wollten sich wieder auf den Weg machen.
»Wir hätten ihn an den anderen Ort bringen sollen«, sagte die dropka hinter ihnen mit hohler Stimme. »Alta wollte dorthin. Vielleicht wäre er da in Sicherheit gewesen.«
Shan drehte sich um. »An welchen anderen Ort?«
»Wo sich die Schattenclans manchmal treffen. Die Kinder nennen es das Lamafeld, aber dort leben nur noch die Geister der Lamas.«
Khitai hatte der zheli den Platz gezeigt, erinnerte Shan sich. Deshalb hatte auch Batu unbedingt dorthin gewollt. »Was wollte Alta da?«
Die Frau schüttelte mit traurigem Lächeln den Kopf. »Lau hatte ihnen aufgegeben, einen Strauß Herbstblumen zu pflücken. Einige der anderen Jungen hatten ihm erzählt, daß auf dem Lamafeld besonders viele Blumen wachsen und Lau sich über einen Strauß von dort besonders freuen würde. Er sagte, auch Khitai ginge gern dorthin und würde seine Pflegeeltern häufig überreden, ihn für einen Tag zum Lamafeld zu bringen. Dort traf Khitai sich dann immer mit dem neuen Jungen, der so einen komischen Akzent hat, und spielte mit ihm zwischen den Felsen.« Sie meinte Micah, begriff Shan. Khitai und der amerikanische Junge trafen sich gern beim Lamafeld. Als die dropka Shan ansah, glaubte er, sie würde jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. »Es war für Lau. Sie dachten, sie müßten ihre letzte Hausaufgabe erledigen, damit Lau in Frieden ruhen konnte.« Sie wandte sich ab, und ihr Kopf senkte sich auf die Brust, als würde sie einschlafen. Jowa zog ihn weg.
»Die Geister der Lamas«, wiederholte der purba mit gehetzter Stimme. Shan benötigte einen Moment, bis er verstand. Das Lamafeld hatte Zuwachs bekommen. Den Yakde Lama.
»In der Nacht, als Alta angegriffen wurde, gab es keinen Sturm«, seufzte Shan. »Wir waren nur ein paar Meilen von dort entfernt.«
»Nein«, sagte Jowa langsam, als würde er zugleich die einzelnen Puzzleteile zusammensetzen. »Aber der Mörder hat so etwas wie einen Blitz gesehen, einen Fluch auf Sui ausgestoßen und ist dann weggerannt. Was bedeutet, daß nicht Sui den Jungen überfallen hat.«
»Die Frau könnte die Worte falsch verstanden haben«, wandte Shan ein.
»Das glaube ich nicht«, sagte Jowa. Und Shan glaubte es auch nicht.
Der purba führte ihn durch eine
Weitere Kostenlose Bücher