Das Blut von Magenza
Wo kommst du gerade her?“, gab sie sich etwas versöhnlicher, wobei ihr Argwohn aber deutlich zu spüren war.
„Ich war in Selenhofen.“
„Also kommst du nicht von der Burg?“
„Warum sollte ich? Dazu besteht überhaupt keine Veranlassung.“
Reinhedis entspannte sich. „Wie ist es dir in den letzten Wochen ergangen?“, fragte sie aus reiner Höflichkeit, obwohl es sie eigentlich nicht interessierte.
Griseldis wirkte bekümmert. „Mein Bruder ist bis jetzt nicht gekommen, was meine Lage nicht einfacher macht. Und auch Dithmar kann sich nicht entscheiden und hat noch nicht um mich gefreit. Langsam zweifle ich an seinen Absichten. Meine Geduld ist bald erschöpft, denn ich kann nicht ewig allein hier leben. Wenn er sich in den nächsten drei Monaten nicht erklärt, kehre ich an den Hof zurück.“
Diese Aussicht klang für die Burgherrin äußerst verlockend. „Du hast mein aufrichtiges Mitgefühl“, heuchelte sie ohne echte Anteilnahme. „Vielleicht ist Dithmar einfach nur zurückhaltend und du solltest ihn ermuntern.“
„Er ist wirklich etwas zögerlich. Ich fürchte nur, dass ich ihn vergraule, wenn ich eine rasche Entscheidung von ihm verlange, und das ist das Letzte, was ich will.“
„Damit könntest du recht haben“, bestätigte Reinhedis. „Gibt es denn keine anderen Anwärter, durch die du seineEntscheidung etwas beschleunigen könntest?“
„Du meinst, ich soll ihn eifersüchtig machen?“
„Genau!“
„Es gäbe schon den einen oder anderen, aber ich bezweifle, dass das bei ihm Wirkung zeigt.“
Reinhedis verspürte keine Lust mehr auf eine Unterhaltung. „Ich wünsche dir, dass es bald zu einem Verlöbnis kommt. Gehab dich wohl“, verabschiedete sie sich und meinte es dieses Mal sogar ehrlich.
„Dank dir für die guten Wünsche und grüß mir Gerhard!“
Das würde sie gewiss nicht tun. Die Magd kam mit den Mädchen wieder zu ihrer Herrin. „Geht es Euch gut? Ihr seht erregt aus.“
„Das täuscht“, erwiderte sie knapp.
Die Burg war jetzt in Sichtweite und ihre Töchter rannten munter auf das Tor zu. Als die beiden Frauen unter sich waren, senkte die Magd ihre Stimme. „Man munkelt nichts Schönes über sie. Habt Ihr schon davon gehört?“
Reinhedis blieb stehen. „Nein, was denn?“
„Es ist nur ein unbestätigtes Gerücht.“
„Jetzt zier’ dich nicht, red’ schon!“
„Sie soll eine Liebschaft mit einem Herrn haben und das seit geraumer Zeit. Und zwar mit einem wohlhabenden Mann von großem Einfluss. Es heißt, sie trifft sich heimlich nachts mit ihm.“
Reinhedis‘ Knie wurden weich. Sie wankte. Das passte auf Gerhard. Er war gut betucht, traf sich nachts unbemerkt mit ihr in der Burg und war der zweitmächtigste Mann der Stadt. Nur Ruthard war einflussreicher. Aber sie konnte sich den Bischof einfach nicht als Griseldis‘ Liebhaber vorstellen.
„Wer soll das sein?“, presste sie hervor.
„Er gehört wohl zu den bedeutendsten Männern von Mainz!“
Sie hatte ihren Satz noch nicht vollendet, als Reinhedis ohnmächtig in sich zusammensackte. Die Mädchen hörten die Magd aufschreien und drehten sich um. Sie ließen die Blumensträuße fallen und eilten zu ihrer Mutter zurück.
„Ist sie tot?“, schrie die Ältere ängstlich.
Die Magd, die neben ihrer Herrin kniete, sah, dass sich deren Brustkorb bewegte. „Nein, sie ist nur ohnmächtig.“
Am Burgtor war Reinhedis‘ Zusammenbruch nicht unbemerkt geblieben. Zwei Soldaten kamen angerannt und hoben sie vorsichtig auf.
„Tragt sie in ihr Gemach und nehmt die Mädchen mit in die Burg. Ich hole inzwischen den Arzt“, sagte die Magd und hastete davon.
Reinhedis erlangte ihr Bewusstsein erst wieder, als es bereits dunkel war. Gerhard saß an ihrem Bett und hielt ihre Hand, die sie augenblicklich zurückzog.
„Wie geht es dir, mein Liebes?“
„Ich bin müde.“
„Der Arzt sagt, dass dir bis auf eine Beule am Kopf nichts fehlt. Was war der Auslöser für deine Ohnmacht?“
„Ich weiß es nicht“, entgegnete sie mit schwacher Stimme. „Möglicherweise hat mich der Spaziergang zu sehr angestrengt. Lass mich bitte schlafen. Morgen fühle ich mich sicher besser.“
„Ich mache mir ernste Sorgen um dich. Möchtest du nicht für einige Wochen auf unser Landgut gehen, um wieder zu Kräften zu kommen? Du hast das doch sonst immer so gern um diese Jahreszeit getan“, bot er ihr fürsorglich an.
Statt sich zu freuen, wie Gerhard gehofft hatte, ereiferte sie sich. „Mein Platz ist hier
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