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Das Britische Empire: Geschichte eines Weltreichs (German Edition)

Das Britische Empire: Geschichte eines Weltreichs (German Edition)

Titel: Das Britische Empire: Geschichte eines Weltreichs (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Peter Wende
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kontinuierliche Strom von Migranten war in erster Linie die Folge der um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien einsetzenden explosionsartigen Zunahme der Bevölkerung von ca. 5,7 Millionen in England und Wales auf 45 Millionen im gesamten Vereinigten Königreich im Jahre 1913. Die damit verbundenen sozialen Probleme – Massenarbeitslosigkeit und Massenelend – legten eine massenhafte Auswanderung überschüssiger Arbeitskräfte nahe, zumal auf der anderen Seite Kolonien wie Australien und Kanada dringend neue Siedler brauchten. Während man noch im Zeitalter des Merkantilismus die Emigration großer Teile der Bevölkerung als Schwächung des Staates angesehen und deswegen zu verhindern getrachtet hatte, wurde nun vielfach argumentiert, daß eine staatlich geförderte Auswanderung letztendlich rentabler sei, als umfangreiche Armenunterstützung im Lande zu organisieren. Solche Vorstellungen trafen sich in den 1830er Jahren mit Projekten für einen systematischen Ausbau des Empire, wie sie nun selbst in Kreisen des britischen Liberalismus entwickelt wurden. Dabei beschränkten sich die Zielsetzungen der Anwälte einer organisierten Auswanderungs- und Kolonisierungspolitik keineswegs darauf, ‹die Armen aus dem Lande zu schaufeln› (‹shovelling out of paupers›), sondern nach dem Vorbild der Kolonien des klassischen Griechenland sollten ‹neue Englands› in Übersee entstehen, indem man ganze Segmente der Bevölkerung dorthin verpflanzte.
    Naturgemäß ließen sich solche Utopien nicht realisieren, und die britische Regierung ließ zwar zwischen 1788 und 1853 ca. 150.000 Sträflinge nach Australien deportieren, war aber ansonsten kaum bereit, Auswanderung in großem Umfang finanziell zu unterstützen. Statt dessen wirkten auch hier private Initiativen. 1830 wurde eine National Colonization Society gegründet, die u.a. die australischen Kolonialverwaltungen ermutigte, aus Landverkäufen erzielte Gewinne in Schiffspassagen für Einwanderer zu investieren. Desgleichen finanzierten philanthropische Gesellschaften, Handelsunternehmen sowie Großgrundbesitzer zahlreiche Auswanderer. Zwischen 1803 und 1815 siedelte der Earl of Selkirk mehr als 1000 Schotten in Kanada an, und zwischen 1832 und 1837 unterstützte der Earl of Egremont ein ähnliches Unternehmen für die Ansiedlung von 500 Armen von seinen Gütern in Sussex. Daneben kam es zur Gründung von Selbsthilfegruppen wie die von 15.000 arbeitslosen schottischen Webern in den 1820er Jahren. Zahlreiche Organisationen, die nach 1880 in der British Womens Emigration Association zusammengefaßt wurden, hatten sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerungsstruktur in den Kolonien durch die Förderung der Auswanderung von Frauen auszubalancieren, die so als ‹missionaries of Empire› für deren gedeihliches Wachstum sorgen sollten. Und schließlich wurden mehr als 50.000 Waisenkinder zwischen 1870 und 1914 als billige Arbeitskräfte in die Kolonien verfrachtet.
    In dieser Gemengelage von Motiven und Antriebskräften für eine weitere und gegen Ende des Jahrhunderts sogar spektakulär beschleunigte territoriale Expansion des Empire war allerdings eines von fundamentaler Bedeutung: ein neues, verbreitetes und verstärktes Empire-Bewußtsein in der britischen Öffentlichkeit, verbunden mit der Überzeugung, mit diesem Empire eine nationale Mission zu erfüllen. Mit Stolz blickten Briten auf ein überseeisches Reich, dessen ausgedehnte Fläche seit 1841 in den englischen Atlanten rot eingefärbt war und dessen Besitz ihnen ein Selbstbewußtsein verlieh, aus dem die historische und moralische Berechtigung für einen letztlich unbegrenzten Anspruch auf globale Suprematie abgeleitet wurde. Denn die Erfolge in Übersee, besonders die zahllosen militärischen Siege über jene, die es wagten, sich England zu widersetzen, wertete man als den Beweis einer natürlichen Überlegenheit. Hier konnte man z.B. nicht nur darauf verweisen, daß eine kleine englische Streitmacht im 18. Jahrhundert den Grundstein für ein riesiges indisches Reich gelegt hatte, sondern auch darauf, daß etwa im Sudan 1898 das britische Expeditionsheer bei Omdurman in seinem Abwehrkampf gegen das Heer des Mahdi nur 49 Gefallene zu beklagen hatte, während es auf seiten des Feindes mehr als 11.000 waren. Auch wenn dabei die überlegene Militärtechnik, der Einsatz von Artillerie, Mörsern und sogar Maschinengewehren den Ausschlag gegeben hatte, so wurden dergleichen Siege letztlich als Zeichen

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