Das dunkle Fenster (German Edition)
Untergründe wie diesen hier war das Fahrwerk nicht ausgelegt.
Die letzten Kilometer fuhr Nikolaj nur noch im Schritttempo. Die Berge blieben hinter ihm zurück, vor ihnen breitete sich eine hügelige Ebene aus. Der Boden war hartgebackene Erde, karg bewachsen mit Gras und niedrigem Buschwerk. Nikolajs Blick streifte eine Schafherde, die ein Stück entfernt weidete. Der Schäfer war nicht zu sehen. Die Sonne ging unter. Binnen einer Stunde würde es dunkel sein.
In der Ferne entdeckte er ein paar Häuser mit roten Ziegeldächern. Ein dunkles Band durchschnitt die Ebene. Eine reguläre Straße.
Nikolaj hielt an und faltete die Straßenkarte auseinander, die er in Zgharta gekauft hatte. Er musste herausfinden, wo er sich befand. Die syrische Grenze konnte nicht mehr weit sein, das war das Einzige, dessen er sich sicher war. Allerdings stellte ein regulärer Grenzübertritt inzwischen keine Option mehr dar. Er hatte gerade ein syrisches Militärfahrzeug von der Straße gedrängt und den Fahrer erschossen.
Dann fragte er sich, ob er nicht überreagiert hatte. Eine Straßensperre der syrischen Armee, noch dazu im Grenzgebiet war nichts Ungewöhnliches. Dass sie den Checkpoint in aller Eile errichtet hatten, konnte alle möglichen Gründe haben. Warum ging er davon aus, dass sie ausgerechnet nach ihm suchten? Und als er versucht hatte zu flüchten, war ihre Reaktion nicht nachvollziehbar? Es war ja offensichtlich gewesen, dass er etwas zu verbergen hatte.
So viele Unsicherheiten. Es war zermürbend, vor jemandem wegzulaufen, dessen Gesicht er nicht kannte. Er kehrte zurück zu der Überlegung, dass die Syrer tatsächlich nach ihm gefahndet hatten. Diese Möglichkeit bestand, egal wie er es drehte und wendete. Aber dann war es der endgültige Beweis für die Existenz einer zweiten Partei. Es war ausgeschlossen, dass ausgerechnet die Syrer mit dem Mossad zusammen-arbeiteten.Wenn die Syrer einen israelitischen Spion in ihre Hände bekamen, knüpften sie ihn doch sofort auf. Diese Art von Allianz war schlicht undenkbar. Wer also stand dahinter?
Er legte den Plan zusammen und warf ihn auf den Beifahrersitz. Vor ihm befand sich ein Dorf namens Kouakh. Hermel lag weniger als zehn Kilometer entfernt.
Carmen schreckte hoch, als Nikolaj die Wagentür öffnete. Sie war weggedämmert. Draußen herrschte Dunkelheit. Ihr Kopf schwamm, sie spürte ihren rechten Arm nicht, weil sie darauf gelegen hatte. Sekundenlang fühlte sie sich orientierungslos. Nikolaj beugte sich vor und durchtrennte das Klebeband an ihren Fußgelenken. Dann half er ihr, aus dem Wagen zu steigen. Ihre Glieder fühlten sich wie Gummi an, sie konnte sich kaum aufrecht halten. Die Ränder ihres Gesichtsfeldes verwischten, als sie den Kopf drehte. Er nahm die Decke aus dem Fußraum und legte sie ihr um die Schultern. Fest umfasste er ihren Körper, um sie zu stützen.
„Wo gehen wir hin?“, fragte sie flüsternd.
Seine Antwort hörte sie kaum. Im Grunde interessierte es sie auch nicht. Sie hatte das Bedürfnis, sich fallen zu lassen. Sie wollte sich an einem dunklen Ort zusammenrollen und einfach schlafen. Ihre Knie gaben nach. Nikolaj sagte etwas, das sie nicht verstand. Dann spürte sie, wie er den zweiten Arm unter ihre Kniekehlen legte und sie hochhob. Der Vorstellung, getragen zu werden, haftete etwas seltsam Tröstliches an. Sie ließ ihren Kopf gegen seine Brust fallen und schloss die Augen.
30 Tripoli | Libanon
„Das wird uns ein Vermögen kosten“, wiederholte Rafiq.
Sie hatten sich in einer Wohnung in Tripoli einquartiert, die einem Sayan gehörte, einem freiwilligen Helfer. Der Mossad verließ sich überall auf der Welt auf die Unterstützung von Sayanim. Sie bildeten das Rückrat des israelischen Geheimdienstes. Sayanim waren stets jüdischer Abstammung. Sie fanden sich in allen Bevölkerungsschichten und sie stellten ihre Dienste unentgeltlich zur Verfügung. Der Eigentümer der Wohnung in Tripoli war von Beruf Arzt und hielt sich einen Teil des Jahres in Italien auf. Während seiner Abwesenheit gestattete er dem Mossad, das Apartment zu benutzen.
„Ich hoffe“, sagte Rafiq, „wir haben eine volle Kriegskasse.“ Er legte das Telefon auf den Tisch, dann ging er in die Küche, um sich Kaffee zu holen. „Shoufani hat eine große Suchaktion losgetreten“, rief er Katzenbaum zu, der im Wohnzimmer sitzen geblieben war. „Sein Cousin kommandiert die syrischen Truppen im Nordlibanon. Nachdem Fedorow der Militärpolizei in Hawqa durch die
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