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Das dunkle Fenster (German Edition)

Das dunkle Fenster (German Edition)

Titel: Das dunkle Fenster (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Andrea Gunschera
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der Jeeps auf. Mit aufheulendem Motor schoss der Taurus vorwärts. Im Rückspiegel zählte Nikolaj vier Männer, die in dem Fahrzeug saßen.
    Einen Lidschlag später zertrümmerte eine Feuergarbe die Heckscheibe.
    Binnen Sekunden brach die Hölle los. Eine Woge von Glassplittern ergoss sich auf den Rücksitz. Instinktiv ließ Carmen sich in den Fußraum rutschen. Der Motor drehte hoch, sie spürte, wie der Taurus beschleunigte.
    „Runter!“, brüllte Nikolaj überflüssigerweise.
    Der Wagen schlingerte; sie atmete in kleinen hektischen Stößen. Dennoch hatte sie das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Plötzlich war es wie damals, bei ihrem allerersten Einsatz, als die Syrer angefangen hatten zu schießen. Die Fesseln an Händen und Füßen verstärkten ihre Panik. Egal was passierte, sie konnte nichts tun. Sie war nutzlos, nur eine Geisel, konnte nicht einmal ihr eigenes Gesicht vor den Glasscherben schützen. In ihren Ohren hallten die Feuerstöße der automatischen Waffen. Benzingestank breitete sich aus.
    Mit einer Hand entsicherte er die Beretta, während er mit der anderen den Wagen lenkte. Ein Schweißfilm bildete sich auf seinem Gesicht. Die Kerle im Jeep hatten Sturmgewehre, deren Feuerkraft die einer Handfeuerwaffe um ein Vielfaches übertrafen. Sein Nacken kribbelte. Jeden Augenblick erwartete er, dass ein Projektil in seinen Rücken schlug.
    Überraschend stellten sie das Feuer ein. Doch die Atempause währte nur wenige Sekunden. Dann erschütterte eine neue Salve den Wagen. Instinktiv duckte Nikolaj sich im Fahrersitz. Eine Reihe von Projektilen zerfetzte die Deckenverkleidung. Die letzten Kugeln der Garbe schlugen in die Frontscheibe und hinterließen Einschusslöcher in einem Kranz von Rissen.
    Der Jeep war so dicht hinter ihm, dass er das Gesicht des Fahrers erkennen konnte. Er holte tief Atem und stieß ihn wieder aus, konzentrierte sich. Dann zog er mit einer abrupten Lenkbewegung auf die Gegenfahrbahn, brachte den Wagen wieder unter Kontrolle und trat mit aller Kraft in die Bremse. Der Ruck schleuderte ihn in den Gurt, nahm ihm fast den Atem. Der Mann am Steuer des Verfolgerfahrzeugs konnte nicht schnell genug reagieren. Er bremste zu spät, der Jeep schoss am Taurus vorbei. Nikolaj gab sofort wieder Gas, für eine Sekunde war er auf gleicher Höhe mit dem syrischen Fahrer. Er zog die Pistole hoch und feuerte vier Schüsse ab. Mit halbem Blick registrierte er, wie der Körper des Mannes seitlich gegen den Beifahrer geschleudert wurde. Abermals bremste er hart ab, dann lenkte er den Taurus in einem Ruck zur Seite und rammte den hinteren Kotflügel des Jeeps. Der Wagen geriet ins Trudeln, drehte sich. Nikolaj rammte ihn ein zweites Mal und riss das Lenkrad sofort zurück, um nicht aus der Kurve getragen zu werden. Der Taurus schlingerte nun ebenfalls. Er prallte erneut gegen den Jeep, dieses Mal unkontrolliert und stieß ihn aus der Spur. Mit mehr Glück als fahrerischem Können gelang es Nikolaj, den eigenen Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen. Im Rückspiegel erfasste er, wie der Jeep gegen die Leitplanke prallte, über die Schiene katapultiert wurde und den Abhang hinab stürzte. Dann war er aus dem Blickfeld verschwunden.
    „Alles in Ordnung?“, hörte Carmen ihn fragen.
    Mühsam richtete sie sich auf. Glassplitter hingen in ihrem Haar, ihren Kleidern, hatten sich in den Ritzen der Sitzpolster gesammelt. Dann musste sie sich übergeben. Sie würgte krampfhaft, ihr Körper wurde von Zuckungen geschüttelt. Doch ihr Magen war leer, es kam nicht viel mehr als Schleim und etwas Flüssigkeit. Mit einem Ärmel wischte sie sich den Mund ab und sank rücklings gegen die Lehne. „Oh Gott, was ist passiert?“
    „Sie sind weg“, sagte er.
    Erschöpft schloss sie die Augen. Ein Alptraum. Oder eigentlich war es kein echter Gedanke, eher eine fiebrige Eingebung. Ihr Kopf war abgründiges Chaos und Entsetzen die beherrschende Emotion.
    Etwa zehn Kilometer zurück gabelte sich die Strecke. Eine unbefestigte Straße führte in Richtung Norden, lief ein Stück zurück in die Berge und schlängelte sich dann hinunter in die Ebene, bis sie sich kurz vor der syrischen Grenze zwischen den Hügeln verlor. Es war einer dieser Wege, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Nikolaj drosselte die Geschwindigkeit, weil die Piste sich mit jedem Meter verschlechterte. Er musste Schlaglöchern und Wasserrinnen ausweichen, um nicht die Gefahr eines Achsenbruchs zu riskieren. Der Taurus war ein Straßenfahrzeug; für

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