Das Elbmonster (German Edition)
endlich den Unterschied, die bezaubernde Mannigfaltigkeit der verschiedenen Kulturen, statt deren Würde unentwegt infrage zu stellen! Wir müssen wohl allesamt noch reichlich dazulernen!
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Diese Aufforderung gilt selbstredend auch für unseren literarischen Protagonisten Abel, obwohl er bereits im Kindesalter über einen beachtlichen Wissensumfang verfügte. Sein hohes Niveau verblüffte mich regelrecht, als ich ihn auf unserer abscheulichen Fahrt nach Deutschland zum ersten Mal traf und gleich mehrere Tage mit ihm zusammenblieb. Jene Reise Anfang Mai 1948 führte uns buchstäblich ins Ungewisse, und zwar im doppelten Sinne. Zum einen wussten wir nicht, wohin es konkret gehen würde und ob wir überhaupt irgendwann wieder eine liebenswerte Heimat fänden. Darüber hinaus ahnte ich freilich nicht im Entferntesten, welch grausamen Kummer und schier endlose Furcht mein zufälliger Begleiter mir dereinst aufbürden könnte, auch wenn ich schon im Zug ein sehr merkwürdiges Erlebnis mit ihm hatte, dessen Tragweite ich allerdings erst viel später erfasste und danach auf höchst makabre Weise beinahe täglich verspürte. Mir war in jener Zeit zumute, als wäre ich eigens deshalb geradezu sprunghaft um Jahre älter geworden.
Anfänglich begegnete mir mein baldiger Weggefährte mit höchst lauterem Charakter, weil geprägt von bewundernswerter Intelligenz, selbstbewusster Offenheit und uneigennütziger Hilfsbereitschaft, gleichsam einer phänomenalen Erscheinung in Gestalt eines durchaus gefälligen Jünglings im zarten Alter von elfeinhalb Jahren, der mir übrigens äußerlich so stark ähnelte, als wäre er mein Doppelgänger oder Zwillingsbruder. Auch in der Körpergröße unterschieden wir uns nicht, waren und blieben vollkommen gleich. Während wir es damals auf jeweils etwa einen Meter und sechzig brachten, zeigte die Messlatte später genau achtzehn Zenti mehr an. Daran hat sich bis jetzt nichts geändert. Nur unser Aussehen wich im Laufe der Jahre dergestalt voneinander ab, dass wir uns schließlich überhaupt nicht mehr ähnelten.
Vielleicht eine Laune der Natur.
Von ihm erhielt ich auch sogleich bestätigt, was ich bereits nach wenigen Minuten unserer Bekanntschaft vermutete, nämlich wer seine Eltern waren, eben die hochverehrte Lehrerin sowie der ebenfalls bekannte und geachtete Pastor. Das überraschte und erfreute mich gleichermaßen, erschienen mir doch alle drei selbst unter den erbärmlichen Bedingungen auffallend warmherzig (der kleine Peter, er zählte gerade mal fünfeinhalb Lenze, verkroch sich meist im Schoß seiner Oma).
Fortan verspürte ich trotz oder vielleicht gerade wegen der widerwärtigen Umstände auch eine ungewöhnliche Sympathie gegenüber dem sehr wissbegierigen und ebenso klugen Burschen namens Abel Kager, der meine Zuneigung nicht minder offenherzig erwiderte. Dabei kam uns sicherlich zugute, dass wir unser karges Plätzchen direkt nebeneinander belegen konnten und auch während der gesamten Fahrt behalten durften. Diese Konstellation erwies sich als ein höchst merkwürdiger, weil schicksalsschwerer Zufall, wie sich schon bald herausstellen sollte.
Am frühen Morgen des dritten Tages, als wir abermals stundenlang und diesmal irgendwo in der Nähe von Prag auf einem Abstellgleis standen, ohne dass man uns wenigsten für ein paar Atemzüge an die sauerstoffreichere Luft gelassen hätte, bekam Abels Großvater urplötzlich einen schlimmen Kreislaufkollaps. Zum Glück konnte ihm seine Frau, eine ausgebildete Krankenschwester, mit wirkungsvollen Tropfen, die sie bei sich hatte, noch rechtzeitig helfen. Ohne ihre Sachkenntnis wäre der beängstigende Vorfall vermutlich arg problematisch verlaufen. Dennoch löste er im Handumdrehen eine panikartige Unruhe aus, zumal mehrere Insassen seit Längerem mit Brechreiz, Schwindelgefühlen und sonstigem Ungemach kämpften.
Daraufhin klopfte der resolute Pfarrer solange beherzt an eine Seitenwand des Waggons, bis endlich jemand die von außen verriegelte Schiebetür öffnete. Wir durften unter strenger Aufsicht die Kannen mit frischem Wasser füllen und die Notdurfteimer leeren. Kurz danach waren wir erneut eingesperrt, und die meisten verfielen allmählich wieder in ihre vertraute Lethargie, der sie sich inzwischen anscheinend freiwillig hingaben.
Auf meinen Gesprächspartner und mich traf das indessen nicht zu. Wir redeten bald schon wie von Beginn an ohne Unterlass über Gott und die Welt, als fänden wir überhaupt kein Ende,
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