Das Elixier der Unsterblichkeit
beruhigen, dass dies eine Sinnestäuschung sei, bis man entdeckte, dass einundzwanzig Gräber – welches genau der Anzahl an Jahren entsprach, die Yusuf I. auf dem Thron gesessen hatte – geöffnet und geplündert waren.
Muhammed V. war unerfahren und verwöhnt und neigte eher zur Bosheit als zur Weichheit, er war ungeduldig und schnell verärgert, wenn ihm etwas missfiel. Der Beschreibung meines Großonkels zufolge hatten seine braunen Augen die Farbe des Misstrauens und der Kleinlichkeit. Jetzt fürchtete er, das Ende der Welt stehe bevor.
Der Hofastrologe, der immer einflussreicher werdende Ahmed Husseini – der, getrieben von Missgunst, oft einen bösen Blick auf Moishe geworfen hatte, denn Moishe war kenntnisreicher und genoss die Gunst des alten Sultans –, meinte, der jüdische Mystiker habe mit seinen kabbalistischen Berechnungen den Dämon Messias und mit ihm das Jüngste Gericht herabgerufen. »Nur die Blinden wollen nicht sehen und die Tauben nicht hören«, sagte Husseini, um den jungen Sultan noch mehr zu erschrecken. Weiter fügte er hinzu, mit einer Stimme, die kaum verbarg, dass sein Gemüt noch immer von Hass und Missgunst vergiftet war, obwohl Moishe im kalten Grab lag, dass es keine noch so soliden Mauern gebe, die de Espinosas jüdische Dämonen nicht im Handumdrehen in Schutt und Asche legen könnten. Als Gegenmittel schlug der Hofastrologe vor, Salman in den Palast zu bestellen, um alle Schriften seines Vaters abzuliefern, die sofort verbrannt werden müssten. Um sicher zu sein, dass Salman nichts davon versteckt hatte, solle man auch nicht davor zurückschrecken, seinen Bauch zu öffnen, der vielleicht voller gefährlicher Zauberformeln sei.
DES TREULOSEN LETZTER SEUFZER
Die Entdeckung, dass er nirgendwo zu Hause war, ließ Salmans Hände und Knie zittern.
Ein Hauptmann aus der Leibgarde des Sultans, gefolgt von zwei Soldaten, klopfte an seine Tür, und als der Jüngling öffnete, erklärte der Offizier in barschem Ton, der treulose Salman de Espinosa habe sich innerhalb von zwei Stunden mit sämtlichen Werken seines Vaters im Palast einzufinden.
Treulos? Was meinte er damit? Niemand hatte Salman je als treulos bezeichnet. Auf der Suche nach einer Antwort ging er zum Nachbarn Mordechai, einem ernsten alten Juden, der ein Freund des Vaters gewesen war.
Der alte Mann bot Salman Tee an. Er lächelte, während er den Tee einschenkte. Salman spürte, dass der Mann ihm etwas Ernstes mitteilen wollte.
»Hast du schon gelernt, den Koran zu lesen?«, fragte Mordechai.
Salman nickte.
»Aber du bist doch Jude?«
»Das bin ich, aber meine Mutter war Muslima.«
Der Alte lächelte betrübt und sagte leise: »Salman, die Sache ist die, dass du weder Jude noch Muslim bist. Um Jude zu sein, muss man, dem jüdischen Gesetz zufolge, Kind einer jüdischen Mutter sein. Und was fordert der Islam von einem Muslim? Einen muslimischen Vater. Doch du hast beides nicht. Deine Mutter war Muslima, dein Vater Jude.«
»Und was bin ich dann?«
»Du bist das wunderbarste Geschöpf des Allmächtigen, das Ziel aller Dinge, du bist ein Mensch. Wenn alle Juden, Muslime und Christen das wären, wenn sie eine menschliche Einstellung zum Leben und eine moralische Haltung hätten, dann müssten wir uns nicht vor der Zukunft fürchten. Verlege dich auf diese Sichtweise und sei immer ein Mensch, mit allem, was das beinhaltet. Sei vor allem erfüllt von Mitmenschlichkeit.«
Der alte Mann riet Salman, nach Hause zu gehen, die Schriften seines Vaters zu sammeln und auf direktem Wege nach Córdoba zu gehen, Rabbi Jacobo Tibbon aufzusuchen und ihm zu berichten, dass der neue Sultan die Werke von Moishe de Espinosa vernichten wolle.
Atemlos und verschwitzt hielt Salman ein Stück außerhalb der Stadt inne. Alles, was er bei dem hastigen Aufbruch hatte mitnehmen können, hatte Platz in einem Rucksack:
Sefer ha-Zohar
und ein paar andere Manuskripte, außerdem eine versiegelte, grob geschnitzte Kiste, die er ganz unten unter den Notizen seines Vaters gefunden hatte und die seine Neugier weckte.
Er drehte sich um und genoss für einige Sekunden den Anblick der betörenden Schönheit der Alhambra, umrahmt von den mächtigen Bergen der Sierra Nevada. Er liebte dieses Stück Erde. Schon jetzt fühlte er eine heftige Sehnsucht, nicht nach dem Haus, in dem er geboren war, sondern nach den Orten, wo der Fürst des Friedens ihm großzügig die Arme geöffnet hatte. Vor allem dachte er an einen Hang nordwestlich des großen Waldes,
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