Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Erbe der Pilgerin

Das Erbe der Pilgerin

Titel: Das Erbe der Pilgerin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ricarda Jordan
Vom Netzwerk:
spreche!«

Kapitel 9
    W as ist mit Florís?« Gerlin schien aus ihrer Trance zu erwachen, als der Blutstrom aus Rolands Kehle verebbte. »Ist er …?«
    Herr Conrad schüttelte den Kopf. »Noch nicht«, sagte er leise.
    Er hatte Florís den Helm abgenommen, und Gerlin sah nun, dass ihr Gatte nach Luft rang. Einer der Knappen hatte Wasser gebracht und wusch ihm den Schweiß vom Gesicht. Florís versuchte zu trinken, als er ihm einen Becher an die Lippen hielt. Gerlin kniete neben ihm nieder und versuchte, seinen Brustpanzer zu lösen. Sie konnte die Wunde sehen. Rolands Klinge war tief in Florís’ Körper eingedrungen, in Richtung seines Herzens.
    Gerlin schob den Knappen beiseite, als Florís getrunken hatte. Sie zog seinen Kopf in ihren Schoß, strich ihm das verschwitzte Haar aus der Stirn und küsste ihn.
    »Wir haben gesiegt, Liebster. Dietmar hat gesiegt!«
    Florís lächelte. »Das war … das war es wert«, flüsterte er. »Das war mein Leben wert …«
    Gerlin schüttelte den Kopf. »Du wirst nicht sterben, Liebster. Wir müssen dich in die Burg bringen, dich verbinden …«
    »Ich glaube doch …«, flüsterte Florís und schloss die Augen.
    Gerlin fühlte nach seinem Puls. Er war schwach, aber das Herz schlug noch. Vorsichtig legte sie den Kopf des Bewusstlosen nieder.
    »Holt eine Trage!«, rief sie den umstehenden Rittern zu. »Bringt ihn in die Burg!«
    Tatsächlich stand die Trage schon bereit, die Knappen hatten sie geholt, als Florís fiel. Nun hoben sie ihn vorsichtig hinauf und wandten sich mit dem Verletzten in Richtung der Trutzburg.
    Dietmar, der eben noch fassungslos auf den toten Roland gestarrt hatte, straffte sich.
    »Nicht dahin«, sagte er heiser. »Bringt ihn … bringt ihn auf meine Burg!« Er wies auf Lauenstein. »Und ihr …«, er wandte sich an Rolands Ritter, die betroffen in einer Reihe warteten, »… macht Platz. Verschwindet! Ich will nicht … ich will nicht, dass mir irgendeiner von Euch die Treue schwört!«
    Die Männer machten den Weg frei. Gerlin folgte der Trage mit ihrem Mann, Dietmars Ritter reihten sich hinter ihr ein.
    »Warte«, sagte Rüdiger, als Dietmar sich ihnen anschließen wollte.
    »Zieh erst die Rüstung aus – und dann steig auf dein Pferd. Du wirst nicht zu Fuß und wie ein geschlagener, erschöpfter Krieger in deiner Burg einziehen. Du hast gewonnen, Dietmar! Nimm dein Erbe würdevoll in Besitz!«
    Dietmar ließ seine Mutter vorausgehen, setzte sich aber auf Rüdigers Geheiß an die Spitze seiner Ritter. Rolands Männer zerstreuten sich, sie hatten sicher mit einem solchen oder ähnlichen Ausgang gerechnet und ihre Habseligkeiten am Morgen gleich mitgenommen. Ein Fahrender Ritter besaß meist nicht viel mehr als ein Pferd und eine Rüstung. Die Männer würden ihr altes Leben wieder aufnehmen und von Burg zu Burg und Turnier zu Turnier reiten. Oder sie schlossen sich dem Kreuzzug gegen die Albigenser an. Das bot zurzeit die besten Aussichten auf gute Beute und vielleicht ein Lehen.
    Luitgart von Ornemünde erwartete die Eroberer im Burghof. Sie trat Gerlin stolz entgegen. Auch sie hatte ihre besten Kleider angelegt. Nach wie vor war sie eine schöne Frau, Rüdiger fand sie weit ansprechender als drei Jahre zuvor in Mainz, da hatte sie schließlich etwas aufgedunsen gewirkt und war stets berauscht gewesen. Jetzt blitzte sie Gerlin aus ihren klaren grünen Augen an. Der Trage mit Florís und der zweiten, auf der man ihren toten Gatten in die Burg brachte, gönnte sie keinen Blick.
    »Ich kann Euch keinen Begrüßungsschluck anbieten, Frau Gerlin«, sagte sie kalt. »Unsere Küchen und Keller sind lange schon leer.«
    Gerlin wehrte mit einer Handbewegung ab. »Mit der Begrüßung habt Ihr es damals auch nicht eilig gehabt«, bemerkte sie. »Im Gegenteil, Ihr verbessert Euch. Bei meinem ersten Einzug in diese Burg habt Ihr mich erst am nächsten Tag empfangen.«
    »Ich bestimme eben gern selbst den Zeitpunkt eines Treffens«, sagte Luitgart. »Zumal mit Menschen, die ich nicht eingeladen habe.«
    Gerlin sah sie müde an. Sie wollte sich nicht streiten. Sie hatte keine Zeit dazu.
    »Ihr habt hier nichts mehr zu bestimmen«, sagte sie dann jedoch fest. »Wer hier willkommen ist, bestimme ich.«
    Luitgart lachte bitter. »Und was gedenkt Ihr mit mir zu tun, Herrin?«, fragte sie höhnisch.
    Gerlin seufzte. Sie hatte bislang noch keinen Gedanken an Luitgart verschwendet. Und im Moment wollte sie ohnehin nur an Florís denken, ihn weich und warm betten lassen,

Weitere Kostenlose Bücher