Das Flammende Kreuz
ihre Waren abkauft. Er ist bei der Hochzeit auf mich zugekommen, um zu sondieren, ob ich an einem Whiskyhandel mit ihm interessiert wäre.«
In seinen Grundzügen war der Plan ganz einfach; Jamie hatte vorgehabt, diesen Lyon wissen lassen - wie, das wusste Roger nicht -, dass er bereit sei, sich auf das Geschäft einzulassen, vorausgesetzt, dass Lyon ein Treffen mit Stephen Bonnet arrangierte und damit bewies, dass er einen Mann von der nötigen Reputation und Erfahrung kannte, um den Transport entlang der Küste zu bewerkstelligen.
»Die nötige Reputation«, wiederholte Roger leise. »Aye, die hat er.«
Fraser machte ein Geräusch, das ein Lachen hätte sein können.
»Er wird sich nicht einfach so darauf einlassen ─ er wird feilschen und Bedingungen stellen -, aber er wird sich darauf einlassen. Sag ihm, dass du so viel Whisky hast, dass er seine Mühe nicht bereuen wird - gib ihm ein Fass von dem Zweijährigen, wenn es sein muss. Wenn er sieht, was die Leute dafür zu zahlen bereit sind, wird er darauf brennen. Der Treffpunkt -« Er hielt stirnrunzelnd inne und atmete kurz ein und aus, bevor er fortfuhr.
»Ich wollte Wylie’s Landeplatz nehmen - aber wenn du es machst, solltest du einen Ort wählen, der dir geeignet erscheint. Nimm die Lindsays als Rückendeckung mit, wenn sie dazu bereit sind. Wenn nicht, such dir jemand anderen; geh nicht allein. Und geh nur, wenn du bereit bist, ihn bei der ersten Gelegenheit umzubringen.«
Roger nickte und schluckte krampfhaft. Jamies Augenlider waren geschwollen, doch er blickte auf, und seine Augen glitzerten scharf im Feuerschein.
»Lass ihn nicht so dicht herankommen, dass er dich mit einem Schwert angreifen kann«, sagte er. »Du machst deine Sache gut - aber du bist nicht gut genug, um es mit einem Mann wie Bonnet aufzunehmen.«
»Bist du es denn?« Roger konnte sich die Frage nicht verkneifen. Er meinte, Fraser lächeln zu sehen, doch es war schwer zu sagen.
»Oh, aye«, sagte er leise. »Wenn ich am Leben bleibe.« Dann hustete er und hob die Hand, um das Thema Bonnet fürs Erste zu beenden.
»Ansonsten... behalte Sinclair im Auge. Er ist ein nützlicher Mann - er weiß alles, was im Distrikt vor sich geht -, aber er ist auch ein Mann, dem du nie den Rücken zukehren darfst.«
Er hielt inne und runzelte nachdenklich die Stirn.
»Du kannst Duncan Innes und Farquard Campbell trauen«, sagte er. »Und Fergus - Fergus wird dir helfen. Ansonsten -« Er verlagerte erneut sein Gesicht und zuckte zusammen. »Sei auf der Hut vor Obadiah Henderson; er wird dich auf die Probe stellen. Viele von ihnen werden das tun, wenn du sie lässt ─ aber Henderson darfst du nicht lassen. Mit ihm musst du bei der ersten Gelegenheit kurzen Prozess machen - eine andere bekommst du nicht.«
Langsam und unter häufigen Ruhepausen ging er die Liste der Männer aus Fraser’s Ridge, der Einwohner von Cross Creek und der wichtigen Männer aus dem Tal des Cape Fear durch. Ihre Charaktere, ihre Neigungen, ihre Geheimnisse und Verpflichtungen.
Roger kämpfte gegen seine Panik an und bemühte sich, aufmerksam zuzuhören und sich alles einzuprägen. Dabei hätte er Fraser so gern beruhigt, ihm Einhalt geboten, ihm gesagt, er solle sich ausruhen, dies alles sei gar nicht nötig - während er doch wusste, dass es mehr als nötig war. Es stand ein Krieg vor der Tür; man brauchte kein Zeitreisender zu sein, um das zu erkennen. Wenn das Wohlergehen von Fraser’s Ridge - von Brianna, dem Baby und Claire ─ in Rogers unerfahrene Hände gelegt werden sollte, musste er auf jeden Informationsfetzen hören, den Fraser ihm liefern konnte.
Frasers heisere Stimme verstummte. Hatte er das Bewusstsein verloren? Die Schulter unter Rogers Hand war schlaff und reglos. Er saß still da und wagte es nicht, sich zu bewegen.
Es würde nicht reichen, dachte er, und eine dumpfe Angst nistete sich in seiner Magengrube ein, eine schmerzhafte Furcht unter den schärferen Stichen der Trauer. Er konnte es nicht. Himmel, er konnte doch noch nicht einmal ein Tier schießen, das so groß war wie ein Haus. Und jetzt sollte er in Frasers Fußstapfen treten? Mit seinen Fäusten und seinem Hirn Ordnung bewahren, mit Büchse und Messer eine Familie ernähren, über einem entzündeten Pulverfass auf dem Seil der Politik tanzen, während ihm seine Pächter und seine Familie als Gegengewicht auf den Schultern saßen? An die Stelle des Mannes treten, den sie Ehrwürden nannten? Verdammt unwahrscheinlich, dachte er
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