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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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führt. Aber wen Gero mehr fürchtet als seinen König, ist der Christengott. Und König Otto hat das Havelland dem Christengott … geschenkt.«
    »Wie kann er verschenken, was ihm gar nicht gehört!«, ereiferte sich Tuglo.
    Tugomir nickte. »Ich weiß. Ich sage auch nicht, dass ich darüber glücklich bin. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, und vor allem müssen wir das Wohl der Heveller über unseren verletzten Stolz stellen. Vater Widukind, der Mann meiner Schwester …« Er stolperte ein wenig über diesen Zusatz, denn nach christlichem Gesetz waren Priester ja zur Ehelosigkeit verpflichtet. Aber er wusste genauso gut wie Widukind und Dragomira: Kein Bischof oder Erzbischof im Reich scherte sich darum, was auf dieser Seite der Elbe geschah. »Vater Widukind ist unterwegs nach Meißen, um mit Gero zu verhandeln. König Otto hat ihn zum obersten Christenpriester im Havelland bestimmt, und das bedeutet, dass Gero und seine Männer hier keinen Tribut mehr erheben und eintreiben dürfen.«
    »Nein. Dafür wird nun dein Christenpriester-Freund das Volk ausrauben. Vielleicht tut er es ein wenig höflicher und lässt ihnen genug zum Überleben, damit sie anfangen, seinen Gott anzubeten«, höhnte Tuglo.
    Tugomir wurde ein wenig unbehaglich, denn genau das war der Plan, den Otto und Widukind gefasst hatten.
    Er überlegte, wie er ihnen begreiflich machen konnte, warum er sich darauf eingelassen hatte. Das würde nicht leicht werden, denn auf seiner Reise hatte er erlebt, wie ausgeklügelt und systematisch die Sachsen die Heveller ausplünderten.
    »Gero herrscht in seiner Mark nach dem gleichen Prinzip wie Otto über sein Reich«, begann er. »Er beansprucht alles Land als sein Eigentum, teilt es in Besitztümer ein, die die Sachsen ›Lehen‹ nennen, und unterstellt sie seinen Grafen. Die bauen sich eine Burg, von wo sie mit ihren Kriegern ausschwärmen, um das Volk zu unterjochen und zu bestehlen. Das ist es, was derzeit geschieht, und weil die slawischen Völker nicht in der Lage sind, gemeinsam zu kämpfen, sind wir zu schwach, um etwas dagegen zu tun. Aber während in Ottos Reich einigermaßen geregelt ist, wie viel Pacht ein Bauer seinem Herrn schuldet, nehmen Geros Schergen einfach, was sie wollen, willkürlich. Und mit der Grausamkeit, mit der ein jeder seinen unterworfenen Feind behandelt, wir tun es auch. Aber Widukind sind Grausamkeit und Willkür fremd. Er hegt auch keinen Hass gegen uns, wie Gero es tut. Auch er wird Lehen vergeben und Tribut von den Hevellern fordern. Das muss er, denn darin unterscheidet ein Bischof sich nicht von einem Markgrafen; auch er muss seine Verpflichtungen dem König gegenüber erfüllen. Aber er wird das Volk nicht drangsalieren und ausplündern.«
    »Also das ist dein Plan?«, fragte Tuglo. »Wir unterwerfen uns freiwillig dem sächsischen Joch, in der Hoffnung, dass dein Priesterfreund uns weniger schindet als Gero?«
    Tugomir fröstelte ob der Verachtung im Blick des Priesters, aber er nickte. »Für den Moment ist das mein Plan, ja. Ich sehe nicht, was wir sonst tun könnten.«
    »Nein?«
    Tugomir mahnte sich zur Ruhe. »Reite nach Spandau, Tuglo. Sieh dir an, was dort passiert ist. Und dann sag du mir, was das Beste für die Heveller ist.«
    Spandau war die zweitgrößte Siedlung ihres Volkes und lag zwei Tagesreisen nordöstlich von hier. Der alte Bogosav, Fürst Vaclavics Onkel, hatte dort jahrzehntelang mit leichter Hand über Burg und Menschen geherrscht. Tugomir erinnerte sich gut an ihn, denn Bogosav war früher regelmäßig auf die Brandenburg gekommen, um sich mit seinem Fürsten zu beraten, und gelegentlich kam er auch, um eine von Fürst Vaclavics zahlreichen Schwestern zu ehelichen, denn er hatte kein Glück mit seinen Frauen und sie starben allenthalben im Kindbett. Letztes Jahr hatte der alte Bogosav dann selbst die Augen für immer geschlossen, und seine beiden Söhne hatten nichts Besseres zu tun gehabt, als einem von Geros Grafen Arme, Beine und Zunge abzuhacken, der gekommen war, um den jährlichen Tribut einzufordern. Dann hatten sie den Rest von ihm über den Wall geworfen, die Tore geschlossen und die Schwerter gewetzt.
    Gero ließ nicht lange auf sich warten. Nach zwei Monaten Belagerung nahm er die Burg, als ein brennender Pfeil dort eine furchtbare Feuersbrunst auslöste, und ließ jedem fünften Mann Arme, Beine und Zunge abhacken. Ihre Frauen und Kinder nahm er als Beute. Bogosavs Söhne hängte er auf. Die übrigen Spandauer schonte

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