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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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nervös.
    »Was?« Tuglo sprang von der Bank auf. »Ist es eine Abordnung? Wie viele sind es? Lass sie nicht aus den Augen, du daleminzischer Narr, sie werden unsere Frauen und das Vieh stehlen, sie …«
    »Es ist ein Priester mit einer Eskorte von zwei Kriegern«, antwortete Semela, so respektvoll, dass Tuglo die Unterbrechung gar nicht zu bemerken schien.
    Tugomir spürte sein Herz mit einem Mal in der Kehle pochen. Gott steh mir bei , dachte er, für solch eine heikle Lage bin ich noch nicht bereit . Aber er wusste natürlich längst, dass man danach nie gefragt wurde. Er tauschte einen Blick mit Godemir und sagte dann zu Semela: »Führ ihn herein. Sei so höflich, wie du kannst, die Obodriten stürzen sich dankbar auf jeden Vorwand, sich beleidigt zu fühlen.«
    Semela verdrehte die Augen. »Ich werd mir Mühe geben«, stellte er in Aussicht und entschwand.
    Während sie warteten, winkte Tugomir Dervan herbei, der sich diskret in einen Winkel der Halle verzogen hatte, um ihre Beratung nicht zu belauschen. Aber im Auge hatte er sie offenbar doch behalten, denn er trat sofort hinzu.
    »Schick nach Met und Fleisch«, trug Tugomir ihm auf.
    Dervan nickte und verließ die Halle durch eine Seitenpforte, die zu den Nebenräumen führte. Irgendwo dort wartete immer ein halbes Dutzend Sklaven, um die Wünsche des Fürsten zu erfüllen.
    Semela kehrte mit dem Gesandten des Obodritenfürsten zurück, verbeugte sich übertrieben ehrerbietig vor Tugomir, den Priestern und dem Boten und trat ein paar Schritte zurück.
    Als Tugomir den Obodriten erkannte, traf ihn der Schock wie ein heimtückischer Schlag in den Magen, den man nicht kommen sehen konnte. »Draschko …«
    »Wie schmeichelhaft, dass du dich erinnerst, Fürst Tugomir«, bemerkte der alte Priester mit einem Lächeln und hob die vier Finger der Rechten zum Göttergruß.
    Die drei Heveller erwiderten die Geste, aber Tuglo fragte: »Ihr kennt euch?« Sein Blick war erwartungsgemäß voller Argwohn. »Woher?«
    »Lange Geschichte«, erwiderte Tugomir in einem Tonfall, der besagte, es sei bedeutungslos.
    Aber Draschko gab bereitwillig Auskunft: »Nach der Niederlage bei Lenzen hat euer Fürst hier dem König der Strohköpfe, dessen Geisel er war, ein eigentümliches Zugeständnis abgerungen: Je ein Dutzend redarischer und obodritischer Gefangener durften ihr Leben behalten und heimkehren. Bei der Gelegenheit haben wir uns kennengelernt. Ich hab immer gerätselt, was du dem Sachsenkönig als Gegenleistung geboten hast, Fürst Tugomir. Hübscher, junger Prinz, der du warst, he?«
    Die Beleidigung war so ungeheuerlich, dass Tugomir gleich den nächsten Schlag im Magen spürte. Tuglo stieß zischend die Luft aus. Godemir verzog keine Miene. Ohne sich zu bewegen, ließ er den Blick zu Tugomir gleiten.
    Der rang mit einiger Mühe den Drang nieder, dem Boten den Kopf abzuschlagen, um ihn Fürst Ratibor mit den besten Grüßen zurückzusenden. Stattdessen betrachtete er den Mann vor sich. Draschko war schon vor zehn Jahren ein alter Mann gewesen. Jetzt war er uralt, Kopf- und Barthaar waren weiß, spärlich und fein wie Spinnweben, und er stützte sich auf einen knorrigen, langen Stock. Aber die Augen waren noch ungetrübt und erwiderten seinen Blick mit verhaltenem Spott, so schien es.
    »Sollte es möglich sein, dass du die Botschaft missbilligst, die dein Fürst mir sendet, und deswegen versuchst, meinen Zorn zu wecken, damit du sie nicht aussprechen musst?«
    Draschko zog die weißen, immer noch buschigen Brauen in die Höhe. »Und wenn es so wäre?«
    »Dann solltest du versuchen, weniger durchschaubar vorzugehen«, riet Tugomir unwirsch.
    Draschko gab sich mit einer unbestimmten Handbewegung geschlagen. Oder zumindest sollten sie das annehmen. Er legte auch die Linke um seinen Stock und ließ unauffällig die Schultern kreisen.
    Aber Tugomir dachte nicht daran, ihm einen Platz anzubieten. Er fragte lediglich: »Fand sich unter all den Helden der Obodriten kein Jüngerer, der den Mut hatte, sich herzuwagen?«
    »Dutzende«, versicherte Draschko. »Aber mein Fürst stimmte zu, als ich ihm sagte, es sei der Wille der Götter, dass ich dir die Nachricht bringe.«
    »Ich hoffe nur, wir bekommen sie noch zu hören, eh auch mein Bart weiß wird oder du zu Staub zerfällst.«
    Draschko nickte. »Also höre, Fürst Tugomir. Als wir von Geros unaussprechlicher Schandtat bei seinem blutigen Gastmahl hörten, griffen die Obodriten zu den Waffen und erhoben sich gegen das

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