Das Jahr in dem ich beschloss meinen Grossvater umzubringen - Roman
stieg in Evas Wagen, fuhr auf den Hof, reihte mich in die parkenden Autos ein, sodass ich im Rückspiegel das Tor der Lagerhalle beobachten konnte.
Jetzt schalteten sich auf dem Dach des Bürogebäudes zwei Scheinwerfer ein und beleuchteten den Hof mit leicht rosafarbenem Licht. Ein Taxi fuhr auf der Straße vor, wartete an der Einfahrt mit laufendem Motor. Drei Männer erschienen im Gegenlicht der offenen Halle, jedoch nur als Schattenrisse. Trotzdem erkannte ich meinen Bruder unter ihnen. Zwei gingen zu den parkenden Wagen. Martin sah in die Halle zurück. Ein Pärchen kam heraus. Die Frau gab meinem Bruder einen flüchtigen Kuss und ging zum Hofausgang. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie nur einen Arm hatte. Sie stieg in das wartende Taxi. Der andere Mann winkte und verschwand wieder in die Halle. Ich verließ den Wagen. Martin erkannte mich sofort und zog seine Lippen zu einem breiten Grinsen.
»Ist das nicht Evas Wagen?«, fragte er ohne Begrüßung. Er erwartete keine Antwort. »Ihr verdanken wir die schönsten Aufnahmen einer Geschlechtsumwandlung vor laufender Kamera.«
»Ist das wahr?«
»Das Schönste daran: Sie weiß es nicht einmal.«
Er betrachtete mein Gesicht und lachte laut. »Keine Sorge, der Film läuft nur als Lehrvideo vor Ärzten.«
»Du lügst, solche Filme machst du gar nicht.«
»Aber eine hübsche Idee ist es schon.«
»Woher weißt du das mit Eva?«
»Aber du wusstest es doch auch. Ist es dann nicht egal, woher man ein Geheimnis erfährt? Hauptsache, die Geheimnisträger bleiben unter sich.«
Er rieb sich die Hände. »Leider habe ich keine Zeit für dich ... Warte mal ...« Er sah auf seine Armbanduhr. Ein halbes Pfund Gold mit Zeigern daran. »Vielleicht ...«
»Ich habe nur eine kurze Frage. Ich brauche die Adresse von Großvater.«
»Großvater?« Er lachte laut. »Das musst du mir erklären, aber nicht jetzt, nicht hier. Du musst ...« Er unterbrach sich, das Licht in der Lagerhalle war erloschen, der Mann kam heraus. Das Hallentor schloss sich elektrisch.
»Niemand hat Großvaters Adresse. Lebt er überhaupt noch?«, fragte ich.
»Nicht so schnell.« Martin griff nach meinem Arm. Seine Finger waren Scheren, mit denen er mir den Arm abschneiden konnte. Ich brauchte eine Waffe.
Er lachte. »Was ist los?« Er zog mich zu seinem Auto, öffnete die Fahrertür. Der Wagen atmete Leder aus.
»Ich wohne seit einigen Monaten im Hotel. Früher hatte ich eine Wohnung über dem Büro. Aber ich muss dir sagen, Hotels sind wunderbar zum Wohnen. Du kriegst jeden Service zu jeder Zeit. Und wenn ich sage, jeden, dann meine ich, jeden.«
Er hatte seine Hand nicht von meinem Arm genommen.
»Lass mich los.«
Er gab mich frei, strich mir über das Jackett. »Mein lieber Bruder, du hast von mir nichts zu befürchten, das weißt du doch. Es ist doch wohl eher umgekehrt.«
In einem Fach in der Tür steckten mehrere Hotelprospekte. Er gab mir einen. »Da wohne ich. Wir könnten uns in einer Stunde an der Hotelbar treffen. Das ginge. Was meinst du?«
Ich nickte. Es war das Hotel, wo ich Scotty kennengelernt hatte.
»Wir haben aber nur eine halbe Stunde, dann bin ich verabredet. Und dabei kann ich dich nicht gebrauchen. Absolut nicht. Wenn du mir also versprichst, präzise nach genau dreißig Minuten zu verschwinden. Ich sehe auf die Uhr ...«
»Sicher. Aber hast du nun die Adresse von Großvater?«
»Die kriegst du nur, wenn du mir sagst, was du von ihm willst.«
»Ich will einfach nur mal mit ihm reden.«
»Und über was zum Beispiel?«
»Na ja, die alten Zeiten.«
Er stieg in seinen Wagen. In meiner Vorstellung nahm der künstliche Fuß gerade die Form eines Hufes an.
»Die alten Zeiten, gut. In einer halben Stunde«, sagte er und schlug die Tür zu. Ich ging zur Seite. Er startete den Wagen, der Motor gab nur ein Rauschen von sich. Die Federung stöhnte, dann lenkte er ihn, begleitet von einem Zischen und dem Geräusch klebriger Reifen, zum Hoftor hinaus. Selbst die Geräusche seines Autos waren die eines Pornofilms.
33
»Mach auf! Mach sofort auf.«
Mein Bruder hämmerte an meine Zimmertür. »Ich weiß genau, dass ihr da drinnen seid.«
Ich hatte abgeschlossen. Das tat ich in letzter Zeit immer, wenn Katia kam, um mit mir Schularbeiten zu machen. Wir waren sechzehn Jahre alt und gerade bei der Nachhilfe für den Biologieunterricht angekommen. Abwechselnd zeigten wir mit den Fingern auf jeden Körperteil, der bei Mann und Frau ungleich ist, und versuchten flüsternd zu
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