Das leere Land
einen Winter erlebt, der so streng war, dass ein paar Verrückte in Linz, oberhalb der Nibelungenbrücke, den fast völlig zugefrorenen Fluss mit Langlaufskiern überquerten.
Ich vermute, dass der Rückzug des überforderten und gestressten Politikers und Militärmannes in die einsame Zelle draußen zwischen den Weinreben ein Symptom dessen war, was man heutzutage Burn-out-Syndrom nennt, mit dem dieser allzu umtriebige, allzu sehr sich aufopfernde Retter der Welt, oder zumindest Retter Ufernoricums, ständig zu kämpfen hatte. Wahrscheinlich waren auch die bei Eugipp im Dunkel bleibenden Jahre des Heiligen Mannes in Afrika, während derer er sein Erweckungserlebnis in den Asketenklausen gehabt haben soll, so eine mehrjährige Chill-out-Phase gewesen. Was erklären würde, dass Severinus nach dem Ende dieser mönchischen Jahre keinen Wert darauf legte, zum Mönch geweiht zu werden oder zu irgendeiner anderen Form von Priesterschaft. Laienbruder war der Heilige Mann, sein Leben lang.
Ich wäre an seiner Stelle im Weingarten geblieben, in jenem kargen quadratischen Wachturm namens Burgus. In meiner Zeit gab es nichts, für das es sich gelohnt hätte aufzubrechen, barfuß sommers wie winters, und sich Zaubertricks auszudenken und diplomatische Finten und komplexe Verwaltungsakte als Offenbarungen Gottes zu tarnen. Nichts musste gerettet werden.
Mein Land will nicht gerettet werden. Es ist schon lange kein Imperium mehr. Meine Eltern waren noch Untertanen eines Imperiums gewesen, des ultimativen in seinem Selbstverständnis, dem morgen schon die ganze Welt gehören sollte. Deren Eltern waren Untertanen der von Generation zu Generation rapider verblödenden Imperatoren gewesen, in deren Reich einst die Sonne nie untergegangen war. Ich bin Untertan eines kleinen verzagten mieselsüchtigen Gendarmenlands. Und der Machtblock, dem es sich zugehörig fühlt, leidet an imperialer Überdehnung. Er hat begonnen unterzugehen, bemerkt es jedoch noch nicht. Er ist bereits des wesentlichen Merkmals verlustig gegangen, das ein Imperium ausmacht: der Kraft, jedes andere Staatswesen nach seinem eigenen Vorbild zu formen. Dieses Imperium, in dem das rote Leuchten der Raketen in der Nacht und das Bersten der Bomben bekunden, dass die Flagge noch da ist, hat begonnen, sein eigenes Wesen anzupassen an das Andere, das Fremde, das es bekämpft mit so großem Aufwand und so geringem Erfolg. Wie die Hunnen und die Goten und die Alemannen und die Rugier das Imperium Romanum zwangen, nach ihren Spielregeln zu spielen, so bringen die Gotteskrieger aus dem Osten das Imperium des Ritters Georg mit dem Doppel-U dazu, sich zu verändern nach ihrem Wunsch und ihrem Vorbild.
Vor dem Restaurant namens Römerhalle las ich die ausgehängte Speisekarte. Unter dem Titel Tagesangebot stand Suppe à la carte, Hausg’röstl mit Spiegelei und gemischtem Salat. Darunter wurde auf eine Spezialität des Hauses hingewiesen. Täglich frisch zubereitet werde ein Menü aus der Glyx-Diät. Wie originell. Glücks-Diät! Marktschreierisch stand da handschriftlich: In der Römerhalle wird nach dem glykämischen Index gekocht, der kohlehydrathaltige Lebensmittel nach ihrer Wirksamkeit auf den Blutzuckerspiegel untersucht. Dies bringt unseren Gästen weniger Risiko auf Übergewicht, koronare Herzkrankheiten und Diabetes! Das Glyx-Menü des Tages bestand aus Rucolatascherl auf Gorgonzolacreme.
Ich entschloss mich, die Rucolataschen zu versuchen. Eine junge Frau an einem Empfangspult gleich nach dem Eingang bedauerte. Das Glyx-Menü sei heute schon aus. Also spazierte ich kurz in das Unterholz jenseits der Bundesstraße, gleich gegenüber dem großen Parkplatz, in Richtung Donau. Ich überlegte, rund um Mautern zu wandern, außen herum, und mir dabei an mehreren passenden Stellen vorzustellen, dieser Wiesenfleck sei die Stelle, wo die abziehenden Romanen damals den Severinus ausgegraben hatten. Und die schönste dieser Stellen würde ich dann im Aufsatz ausführlicher beschreiben, anschließend den Spaziergang in den Ort hinein, und dann würde ich mich ein wenig über die Gastronomie und die Nächtigungsmöglichkeiten Mauterns auslassen. Mindestens eine Nächtigung in Mautern würde ich den Lesern des Katalogs zu Doppellandesausstellung empfehlen, das brauche es, um Favianis gerecht zu werden, dem Hauptort der Severinus-Verehrung. Ich ließ es bleiben. Nur Ödland rund um Mautern, nichts, das sich als Einstieg in tourismusfördernde Abschweifungen geeignet
Weitere Kostenlose Bücher