Das Lied der alten Steine
geredet. Sie haben mir in die Feluke geholfen und dann haben Sie mich da sitzen lassen, stimmt’s? Und Sie sind zu den Kabinen zurückgegangen. Woher sollte ich denn wissen, dass Sie nicht zu meiner Kabine gegangen sind? Verraten Sie mir das mal!«
»Sagen Sie mir zuerst einmal, warum zum Teufel Sie Ihre Kabinentür nicht abschließen, wenn Sie allen Leuten dermaßen misstrauen?«
»Das ist es ja eben«, erwiderte sie. »Ich habe ja allen getraut.«
»Allen außer mir.« Seine Stimme wurde dunkler. »Dann erklären Sie mir mal, warum Sie mir nicht mehr trauen. Warum traut Andrew Watson mir nicht? Womit habe ich so viel Argwohn verdient?«
Er blickte ihr auf einmal in die Augen und sie errötete. »Ich weiß es nicht.«
»Sie wissen es nicht.« Er holte tief Luft. »Oder Sie wollen es nicht sagen. Ich nehme an, Watson hat; seine Nase in Dinge hineingesteckt, die ihn nichts angehen, und den Brunnen vergiftet.« Er rieb sich das Kinn, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu wenden. »Ich sehe Ihnen an, dass ich Recht habe. Sie sind nicht auf die Idee gekommen, mich nach der Wahrheit zu fragen? Sie haben nicht wenigstens ein kleines bisschen an ihm gezweifelt? Ich dachte, wir wären gewissermaßen befreundet.
Offensichtlich habe ich mich geirrt.«
Er ließ sich schwer auf das Bett fallen, nachdem er einen Arm voll Sachen auf den Boden geworfen hatte, um Platz zu schaffen.
Anna biss sich auf die Lippe. Ihre Angst hatte sich in Luft aufgelöst. »Okay, ich will Ihnen sagen, was passiert ist. Ich habe ihm nicht geglaubt, nicht eine Sekunde lang, bis das hier geschah. Und dann… Es tut mir Leid.« Sie ließ den Kopf hängen. »Ich war so aufgeregt wegen des Tagebuchs, dass ich nicht klar denken konnte.« Sie richtete sich auf. »Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich eigentlich gehofft, Sie hätten es. Denn wenn Sie es nicht haben, wer hat es dann?«
Er dachte einen Augenblick nach. »Wollen Sie wirklich meine Meinung hören?«
Sie nickte, aber ihr ironisches Lächeln nahm er gar nicht wahr.
Er starrte das Bild auf der Staffelei an. »Ich möchte wetten, es war Watson selber.«
Anna schüttelte den Kopf. »Das würde er nicht tun. Außerdem war er da…« Sie brach ab.
»Er war da. Er hat seine Anteilnahme geäußert und mit dem Finger auf mich gezeigt. Ich kann mir die Szene genau vorstellen, Anna, ganz deutlich.« Er beugte sich unvermittelt vor. »Warum sollte ich das Tagebuch haben wollen, sagen Sie mir das mal! Er ist der skrupellose Händler. Er ist der Mann mit den Kontakten.« Er blickte zu ihr auf. »Na? Ich habe Sie etwas gefragt. Warum sollte ich es haben wollen?«
Sie zuckte die Achseln. »Es ist begehrenswert. Es ist ein Kunstwerk. Louisas Zeichnungen sind darin. Es ist eine Menge wert…« Ihre Stimme versagte.
»Es ist eine Menge Geld wert«, äffte er sie nach. »Ich brauche kein Geld, Anna. Und ich will Louisas Tagebuch nicht. Ist das klar?« Er sah zum Fenster hinaus. »Jetzt gehen Sie lieber.«
»Toby, es tut mir Leid.«
»Gehen Sie!« Aus seinen Augen strahlte wieder die unüberwindliche Kälte.
Sie verzog das Gesicht und wandte sich zur Tür. Mit der Hand auf dem Türgriff drehte sie sich noch einmal zu ihm um. »Es tut mir Leid«, wiederholte sie.
»Mir auch.«
»Können wir nicht Freunde bleiben?«
Er schwieg einen Augenblick, dann schüttelte er den Kopf.
»Ich glaube nicht, Anna.«
Sie schob den Riegel zurück, öffnete die Tür und trat hinaus.
Im Flur blieb sie stehen und holte tief Luft. Zusätzlich zu ihrem Ärger war ihr nun zum Weinen zumute. Sie drehte sich um und floh den Korridor entlang.
Hinter ihr öffnete sich Tobys Kabinentür. Er trat heraus und sah ihr nach. »Anna!«
Ohne den Ruf zu beachten, rannte sie die Stufen hinauf zu ihrer Kabine.
Sie stürzte hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Heftig atmend hielt sie plötzlich inne.
Die Kabine war nicht leer. Die Luft war erfüllt von einem betäubenden Geruch nach Harz und Myrrhe.
In der Mitte stand eine schattenhafte Gestalt, groß, körperlos, doch in ihrer äußerlichen Haltung unverkennbar. Anhotep wandte sich ihr halb zu und seine Augen suchten die ihren, als er langsam eine schmale, schmächtige Hand gegen sie zu heben begann.
Sie schrie. Ihr ganzer Körper war kalt geworden. Sie konnte nicht atmen. Verzweifelt versuchte sie zur Tür umzukehren, sich zu bewegen, ihre Augen von seinem Blick zu lösen, aber es gelang ihr nicht. Irgendetwas hielt sie fest gebannt, wo sie war.
Sie konnte spüren, wie die
Weitere Kostenlose Bücher