Das Lied der alten Steine
auf der Terrasse des Old Cataract Hotel bei einer Kanne Earl Grey. Erst als sie auf ihren Stühlen saßen und den Ausblick über den Nil genossen, kamen sie auf den Grund zu sprechen, warum sie das Schiff verlassen hatten.
»Haben Sie Andys Gesicht gesehen, als er uns drei zusammen aufbrechen sah?« Serena rührte abwesend in ihrem Tee. »Er verlor seine berühmte Kaltschnäuzigkeit. Für mich sah er entschieden beunruhigt aus.«
»Wozu er auch allen Grund hat.« Toby beugte sich vor und betrachtete einen Moment lang Serenas Gesicht, dann nickte er.
»Anna hat mir gesagt, dass Sie sich mit ägyptischen Ritualen auskennen. Kann ich daraus schließen, dass Sie sich mit modernen spirituellen Techniken und Magie beschäftigt haben, die auf altägyptischen Schriften beruhen?«
Serena erwiderte seinen Blick. »Ich habe bei Anna Maria Kelim studiert, wenn Ihnen das etwas sagt.«
Toby zuckte die Achseln. »Ich habe mich früher mal ein bisschen für diese Dinge interessiert, als ich noch jünger war.
Ich bin kein Experte, aber der Name ist mir nicht unbekannt.
Das Wichtigste ist, dass Sie wissen, was Sie tun. Ich fürchte, dass Annas Geist oder Geister sich nicht von einem bisschen New Age-Singsang einschüchtern lassen.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Anna sagt, dass Sie gut sind. Glauben Sie das auch?«
Serena sagte eine Weile nichts, offenbar verblüfft von seiner direkten Art. Doch ihre erste Verstimmung verflüchtigte sich so schnell, wie sie gekommen war. Nach wenigen Sekunden des Nachdenkens nickte sie langsam. »Solange Andy nicht in der Nähe ist. Er hat eine Begabung, meine Energie zu zerstören. Ich habe noch nie in Ägypten gearbeitet. Ich war noch nie hier.
Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich zu Hause ein bisschen Erfahrung mit Rescue work gesammelt habe – Sie wissen, was Rescue work bedeutet, oder?« Sie blickte Toby an, der gerade seine Tasse an den Mund führte und kurz nickte.
»Er vielleicht, aber ich nicht«, sagte Anna.
»Es bedeutet, Seelen, die erdgebunden sind, zur Flucht zu verhelfen. Die meisten ›Geister‹, wenn du dieses Wort gebrauchen willst, sind verloren. Gefangen. Unglücklich. Einige von ihnen, wenn sie plötzlich eines gewaltsamen Todes gestorben sind, bekommen noch nicht einmal mit, dass sie tot sind. Niemand kam, um sie abzuholen oder nach ihnen zu sehen.
Ich habe mit einem oder zweien dieser Fälle zu tun gehabt und ihnen weitergeholfen.« Serena klang jetzt selbstbewusster, da sie sah, dass sie vor Zuhörern sprach, die ihr Respekt entgegen-brachten. »Aber ich habe noch nie mit einem Geist gearbeitet, der erdgebunden bleiben wollte, weil er noch etwas zu erledigen hatte. Solche sind unheimlich. Sinnen auf Rache. Richten Unheil an. Mischen sich immer noch in die Welt ein, die sie verlassen haben. Können nicht loslassen. Anhotep und sein Kollege sind so. Und sie sind keine gewöhnlichen Geister. Sie waren erfahrene Priester, die eines der mächtigsten okkulten Systeme kannten, von denen wir wissen. Sie haben sich wahrscheinlich entschieden, nicht sterben zu wollen.«
Es trat ein kurzes Schweigen ein. Anna fröstelte. Die Wärme auf der Terrasse, die vergnügten Menschengruppen, die beim Tee saßen und sich entspannt unterhielten, die Kellner, die erstaunliche Bilderbuch-Ansicht vom Nil, alles schien sich plötzlich von ihr zu entfernen und seltsam unwirklich zu werden.
»Und was ist mit dem Kollegen geschehen? Dem zweiten Priester?«, fragte Toby nach einem Moment. »Ihn haben Sie nicht erwähnt.«
Mit Schaudern erinnerte sich Anna an Louisas und ihr eigenes Entsetzen, als sie Hatsek, den Priester der löwenköpfigen Göttin, gesehen hatte. »Ich habe ihn gesehen. Und Louisa hat ihn auch gesehen, im Tempel. Er schien der mächtigere, der bösere von beiden.«
Toby verzog das Gesicht.
»Glauben Sie uns immer noch?« Anna sah ihn an. »Sie halten uns nicht für verrückt?«
»Nein, ich halte Sie nicht für verrückt. Ich habe selbst Geister gesehen.« Toby sagte dies, ohne zu lächeln. »Es ist die Dummheit unserer Kultur, alles für unwahr zu erklären, was sich nicht mit einer Algebraformel oder in einem Reagenzglas nachweisen lässt. Glücklicherweise sind die meisten anderen Kulturen der Vergangenheit und viele heutige sehr viel weiser als wir im Westen. Man muss die Materialisten in unserer Welt einfach ignorieren und seinem Bauch, seiner Intuition vertrauen.
Und diejenigen von uns, die mutig an dieser Überzeugung festhalten, weil sie diese
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