Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Lied von Eis und Feuer 02 - Das Erbe von Winterfell

Das Lied von Eis und Feuer 02 - Das Erbe von Winterfell

Titel: Das Lied von Eis und Feuer 02 - Das Erbe von Winterfell Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: George R R Martin
Vom Netzwerk:
einen Augenblick erstarrte sie. Rauf oder runter? Der Weg nach oben würde sie zur überdachten Brücke führen, die den kleinen Burghof zum Turm der Hand überspannte, doch würde man von ihr erwarten, dass sie ebendiesen Weg nahm, dessen war sie sicher. Tu nie, was sie von dir erwarten, hatte Syrio einmal gesagt. Arya lief nach unten, immer im Kreis, nahm immer zwei bis drei der schmalen Steinstufen gleichzeitig. Sie kam in einem grottenartigen Keller heraus, umgeben von Bierfässern, zwanzig Fuß hoch gestapelt. Das einzige Licht fiel durch schmale, schräge Fenster hoch oben in der Wand.
    Der Keller war eine Sackgasse. Es führte nur der Weg heraus, auf dem sie hereingekommen war. Sie wagte nicht, über diese Treppe zurückzugehen, nur konnte sie hier auch nicht bleiben. Sie musste ihren Vater finden und ihm erzählen, was geschehen war. Ihr Vater würde sie beschützen.
    Arya schob ihr Holzschwert durch den Gürtel und fing an zu klettern, sprang von Fass zu Fass, bis sie an das Fenster kam. Mit beiden Händen packte sie den Stein und zog sich hinauf. Die Mauer war einen Meter dick, das Fenster ein Tunnel, der schräg nach oben und nach draußen führte. Als sie mit dem Kopf auf Bodenhöhe war, spähte sie über den Hof zum Turm der Hand.
    Die dicke Holztür hing zersplittert und gebrochen in den Angeln wie mit Äxten bearbeitet. Ein toter Mann lag bäuchlings, alle viere von sich gestreckt, auf den Stufen, sein Umhang unter sich begraben, der Rücken seines Kettenhemdes rot durchweicht. Der Umhang des Toten war aus grauer Wolle mit weißem Satin, wie sie erschrocken merkte. Sie konnte nicht erkennen, wer es war.

    »Nein«, flüsterte sie. Was ging hier vor sich? Wo war Vater? Warum hatten die Rotröcke ihn holen wollen? Sie erinnerte sich an die Worte des Mannes mit dem gelben Bart an jenem Tag, als sie die Ungeheuer gefunden hatte. Wenn eine Hand sterben kann, wieso nicht auch die andere?
    Arya spürte Tränen in ihren Augen. Sie hielt den Atem an, um Luft zu holen. Sie hörte Kampflärm, Rufen, Schreie, das Klirren von Stahl auf Stahl, das durch die Fenster des Turmes der Hand drang.
    Sie konnte nicht zurück. Ihr Vater …
    Arya schloss die Augen. Einen Moment war ihre Angst zu groß und lähmte sie in jeder Bewegung. Sie hatten Jory und Wyl und Heward getötet und diesen Gardisten auf der Treppe, wer auch immer er gewesen war. Vielleicht töteten sie auch ihren Vater und sie, falls man sie fing. »Angst schneidet tiefer als ein Schwert«, sagte sie laut, doch nützte es ihr nichts zu tun, als sei sie eine Wassertänzerin. Syrio war ein Wassertänzer gewesen, und wahrscheinlich hatte der weiße Ritter ihn erschlagen, und außerdem war sie nur ein kleines Mädchen mit einem Holzstock, allein und verängstigt.
    Sie kletterte auf den Hof hinaus, blickte sich argwöhnisch um, während sie sich auf die Beine erhob. Die Burg lag verlassen da. Der Rote Bergfried wirkte nie verlassen. Alle schienen sich drinnen zu verstecken, hatten die Türen verrammelt. Sehnsüchtig sah Arya zu ihrer Schlafkammer hoch, dann ließ sie den Turm der Hand hinter sich, blieb stets dicht an der Mauer, während sie von einem Schatten zum nächsten schlich. Sie tat, als jagte sie Katzen … nur war jetzt sie die Katze, und wenn man sie schnappte, würde man sie töten.
    Sie lief zwischen Gebäuden hindurch und über Mauern, hielt, wenn möglich, Stein in ihrem Rücken, damit niemand sie überraschen konnte, und so erreichte Arya die Ställe fast
ohne Zwischenfall. Ein Dutzend Goldröcke in Kettenhemd und Panzer stürmten an ihr vorbei, derweil sie über den inneren Burghof lief, ohne zu wissen, auf wessen Seite sie standen, und so kauerte sie sich in die Schatten und ließ die Männer passieren.
    Hullen, der auf Winterfell Stallmeister gewesen war, seit Arya sich erinnern konnte, lag in sich zusammengesunken auf dem Boden bei der Stalltür. Man hatte so oft auf ihn eingestochen, dass es aussah, als sei sein Waffenrock mit roten Blumen gemustert. Arya war sicher, dass er tot war, doch indem sie näher herankroch, schlug er die Augen auf. »Arya im Wege«, flüsterte er. »Du musst … deinen … deinen Vater warnen …« Schaumig roter Speichel quoll aus seinem Mund hervor. Wieder schloss der Stallmeister die Augen und sagte kein Wort mehr.
    Drinnen lagen weitere Leichen. Ein Stallbursche, mit dem sie gespielt hatte, und drei aus der Leibgarde ihres Vaters. Ein Wagen voller Kisten und Truhen stand verlassen nahe der Stalltür. Die toten

Weitere Kostenlose Bücher