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Das Pestkind: Roman (German Edition)

Das Pestkind: Roman (German Edition)

Titel: Das Pestkind: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Nicole Steyer
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Hurenlager.« Er nickte Marianne aufmunternd zu. »Diese Frauen sind ein wenig wie Katzen, die sich gern gegenseitig die Augen auskratzen, wenn es um ihre Beute geht. Ihr habt ihnen einen dicken Fisch gestohlen, den jede von ihnen gern geangelt hätte. Gebt auf Euch acht.«
    Die beiden Männer wandten sich ab, und die Huren waren wieder hinter ihren Karren und Zelten verschwunden. Hastig sammelte Marianne ihr Reisig zusammen und rannte zurück zu Millis Wagen.
    Als sie ihn kurz darauf erreichte, atmete sie erleichtert auf. Doch dann drang Millis Stimme an ihr Ohr, die sich nicht so herzlich wie sonst anhörte.
    »Ich habe es Euch doch gesagt, Friedrich. Ich besorge Euch kein Mädchen mehr. Josefine hat mir von dem roten Fleck an Eurem Gemächt erzählt. Ihr wisst, was das bedeutet. Ihr seid krank. Die Mädchen wissen, wie die Seuche aussieht, keine wird Euch mehr anfassen.«
    Marianne duckte sich hinter den Wagen. Eigentlich war es eine Sünde zu lauschen, aber das hier interessierte sie doch. Friedrich war bei den feinen Damen beliebt, obwohl er angeblich ein grober Liebhaber war.
    Er versuchte, Milli vom Gegenteil zu überzeugen.
    »Unsinn erzählt das Mädchen, nichts ist dort unten. Mich hat ein Tier gestochen.«
    Milli winkte ab.
    »Dann zeigt mir die Stelle doch, oder seid Ihr dafür zu feige?«
    Marianne musste bei der Vorstellung, dass Friedrich vor Milli die Hosen herunterließ, schmunzeln.
    Friedrich sah Milli wütend an.
    »Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann werde ich mir eben woanders ein Mädchen suchen.«
    Einige Männer, die bereits auf den Bänken vor der Theke Platz genommen hatten, schauten auf. Er senkte seine Stimme. »Das Lager ist voller Dirnen und Huren.«
    Er stapfte davon.
    »Leider ist es das«, murmelte Milli.
    *
    Mühldorf erinnerte Marianne an zu Hause. Es war etwas kleiner als Rosenheim, aber es gab die gleichen Laubengänge, und die Häuser auf dem Marktplatz standen ähnlich dicht an dicht. Hinter ihnen lag der Inn, der auch hier über die Ufer getreten war und wie ein reißender, gefährlicher Strom wirkte, der alles gnadenlos mit sich riss. Auf der anderen Seite des Flusses sah man in der Nacht die Lagerfeuer glimmen. Die Salzburger saßen dort in Stellung, um das Ufer zu sichern. Ein Ufer, das immer mehr im Wasser versank und zu einem schlammigen, unwegsamen Morast wurde. Auch hier in Mühldorf war die Brücke zerstört, und wie in Rosenheim zeugten schwere Steine am Ufer von ihrer ehemaligen Existenz.
    Sie waren jetzt bereits seit über einer Woche hier. Gemeinsam mit Helene, Eugenie und zwei weiteren Mädchen namens Eleonore und Friederike, die aus Ostpreußen stammten und beide mit Offizieren verlobt waren, bewohnte Marianne ein Zimmer in einem herrschaftlich anmutenden Gebäude.
    So ein Haus hatte Marianne bisher noch nie betreten. Das Treppenhaus war groß und weitläufig, roter Teppich lag auf den Stufen, und geschwungene Geländer mit hölzernen Schnitzereien geleiteten einen ins obere Stockwerk. Im Erdgeschoss lagen die Küche und mehrere große Räume, sogar ein Zimmer mit einem offenen Kamin mit einem richtigen Sims, auf dem Porzellanfiguren und winzige Gemälde standen, gab es.
     
    Es war ein heißer Nachmittag, als Marianne durch die kühle Halle lief und sich in das Kaminzimmer schlich. Besonders der Kaminsims hatte es ihr angetan. Stundenlang hätte sie hier stehen können, um die einzigartigen Kunstwerke zu bewundern.
    Die meisten Bilder waren mit schwarzem Kohlestift gezeichnet. Bilder von kleinen Kindern wechselten sich mit Frauengemälden ab. Auf einem der winzigen Kunstwerke saßen zwei kleine Mädchen vor einem hübschen Schaukelpferd, auf einem anderen Bild nuckelte ein Säugling im Schlaf am Daumen. Eine junge Frau, nicht älter als sie selbst, lächelte sanft, und ihre Locken umspielten ihr ebenmäßiges Gesicht. Auf einem weiteren Bild waren Vater und Sohn in Uniform zu sehen. Der Junge trug einen federgeschmückten Helm auf dem Kopf und hatte stolz das Kinn vorgereckt.
    Die Bilder waren allesamt gerahmt. Einfache Holzrahmen wechselten sich mit kunstvollen Silberrahmen ab. Wer auch immer hier gelebt hatte, war ein großartiger Künstler gewesen, mit Auge fürs Wesentliche, dachte Marianne und fuhr mit den Fingern die Konturen eines Silberrahmens nach.
    Pater Johannes hatte das immer gesagt, wenn er ihr die Gemälde in der winzigen Kapelle des Klosters erklärt hatte: wie sehr die Maler auf Kleinigkeiten achten würden, auf die Grübchen beim Lächeln oder die

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