Das Prachtstück
Kreativität hin, indem sie am laufenden Band überdimensionale, leider jedoch ziemlich scheuÃliche Gemälde produzierte. »Schinken in Ãl und Essig«, wie Micha sie respektlos genannt hatte.
Gelegentlich gelang es ihr, etwas davon zu verkaufen, einen »original Winterstein«, wie sie ihre eigenen Werke schamlos unbescheiden bezeichnete. Und dies, wie Linda zu ihrer Verblüffung erst kürzlich herausgefunden hatte, zu durchaus stattlichen Preisen. »Tja, man braucht eben MuÃe, um auf den richtigen Kunden zu warten«, lautete Babettes Philosophie, »MuÃe und noch einmal MuÃe. Das ist das A und O! Meine Kunst ist ohnehin nichts für die tumbe Masse, sondern spricht Menschen an, die selber zu wahrhaft GroÃem fähig sind.« Ihr überaus skeptischer Gesichtsausdruck verriet, dass sie ihre Tochter definitiv nicht zu diesen zählte. »Ich spüre sofort, wenn einer von ihnen mein Atelier betritt. Ein Blick. Ein Nicken. Die Art, wie jemand seinen Kopf hält â und ich weià Bescheid. Oft sind Worte dann nicht mehr nötig. Und weiÃt du auch weshalb, Herlinde?«
Linda, die es aus tiefsten Herzen hasste, bei ihrem ungeliebten Taufnamen genannt zu werden, wusste es natürlich nicht.
»Echte Kenner erkennen sich auf der Stelle. Im Gegensatz zu den zahllosen Banausen, die überall herumlaufen und sich wichtig machen, haben sie nämlich weder Lust noch Zeit, sich mit schalen Nebensächlichkeiten aufzuhalten.«
Kein Wunder also, dass Babette immer weniger dazu kam, sich bei all ihren hehren Verpflichtungen auch noch um das zu kümmern, was für sie unter »Familienkram« rangierte. Lindas EheschlieÃung mit Micha hatte sie als nicht allzu interessante Neuigkeit abgetan, ebenso den Umzug der Tochter nach Bad Homburg. Lindas Schwangerschaft? Doch nur etwas, das ständig überall auf der Welt passierte, und deshalb beileibe nichts, worum man groÃes Aufhebens machen musste. Selbst der plötzliche Tod ihres Schwiegersohns, dem sie nur ein paar wenige Male in natura begegnet war, schien sie nicht besonders erschüttert zu haben.
»Tragisch. Ja, sicherlich. Und schmerzvoll. Natürlich! Denkst du vielleicht, ich wüsste nicht, wovon ich spreche? SchlieÃlich habe ich damals ganz Ãhnliches durchgemacht!«
Babette war knapp vierzig gewesen, als ihr Ehemann und Lindas Vater die Familie verlassen hatte. Wenig später war Lorenz Winterstein an Magenkrebs gestorben. Seitdem bevorzugte Babette die Witwenversion und lieà die vorangegangene Scheidung diskret hinter der Tapetentür ihrer persönlichen Geschichtsschreibung verschwinden.
»Aber doch kein Weltuntergang. Sieh mich an!« Ihre grünen Augen blitzten. Die weiÃen, stets wirren Locken wippten. Seitdem sie sich in der Provence als Künstlerin verwirklichte, trug sie unter ihrem Malerkittel bevorzugt alte Männerhemden oder Mieder und rustikale Leinenröcke. Sie sah trotzdem gut aus, strahlend, voller Selbstbewusstsein. Eine reife, blühende Frau in den besten Jahren â das musste man ihr neidlos zugestehen. »Das Leben geht weiter, glaub mir, Kind! AuÃerdem bist du jung und gesund«, lautete ihr nicht gerade besonders tröstlicher Trost. »Du wirst neue Partner finden. Bald, auch wenn du dir das jetzt noch nicht vorstellen kannst. Aber du wirst. Ich weià es. Einen. Zwei. Drei. Zehn, was weià ich! So viele du willst, wenn du nur richtig willst. Aber viel wichtiger ist, dass du dich endlich selber entdeckst. Diese Unschlüssigkeit im Beruflichen, dieses Gleiten von einem zum anderen, ohne Ziel, ohne erkennbare Richtung, macht mir sehr viel gröÃere Sorgen.«
Deshalb war Linda so erstaunt, als eines Morgens das Telefon klingelte, Babette sich meldete, um sich eingehend nach ihrem und Felis Befinden zu erkundigen. Höflich, aber mit der gebotenen Vorsicht gab Linda Auskunft. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie darauf kam, was eigentlich dahintersteckte.
»Die Beckers haben dich angerufen, daher weht der Wind! Stimmtâs? Ganz die typische Moma-Popa-Tour! Erst das Geschirr zerschlagen und sich dann darüber wundern, dass es weh tut, wenn man barfuà in die Scherben tritt!«
»Du solltest nicht so hart zu ihnen sein, Linda! Das steht dir ganz und gar nicht. SchlieÃlich ist Feli ihr einziges Enkelkind«, gab Babette ungewohnt sanftmütig zu bedenken.
»Deines auch. Ganz nebenbei
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