Das schwarze Blut
einen unerhörten Glückstreffer: den Pass einer Schwedin, die auf den Namen Elisabeth hörte!
Seine Hand schloss sich um den weinroten Ausweis. Er grub tiefer in der Tasche und fand den dazugehörigen Studentenausweis mit einer Adresse in der Cité Universitaire. Das Gesicht auf dem Foto interessierte ihn nicht – der Name war perfekt: Elisabeth Bremen.
Tags darauf suchte er wieder das Postamt in der Rue Hippolyte-Lebas auf, in dem er von dem Postbeamten über die erforderliche Vorgehensweise aufgeklärt worden war. Der Mann, ein kleiner Asiat mit Pferdeschwanz, verzog missmutig das Gesicht:
»Sie haben sich nicht an die Vorschriften gehalten. Der Briefträger muss …«
Mark ließ ihn nicht ausreden, sondern schob mit den ausgefüllten Formularen Elisabeths Pass und ihren Studentenausweis unter der Scheibe hindurch.
»Sie wohnt in der Studentenstadt. Das ist das reinste Labyrinth.«
»Was hat sie denn?«, fragte der Beamte in versöhnlicherem Ton.
»Die Hüfte. Sie hat sich die Hüfte gebrochen. Beim Volleyball.«
Der Postbeamte schüttelte wenig überzeugt den Kopf und studierte die Dokumente. Die Schlange hinter Mark wuchs. Der Asiat blickte auf:
»Eines verstehe ich an Ihrer Geschichte nicht. Wenn die Post dieses Mädchens über Sie gehen soll, warum lassen Sie sie nicht einfach zu sich nach Hause schicken?«
Darauf war Mark vorbereitet. Er beugte sich näher zur Scheibe und legte ostentativ die linke Hand, an deren Ringfinger ein Ehering steckte, vor den Schalter. Ein Trick, den er schon zu seiner Zeit als »Abstauber« angewandt hatte, um vertrauenerweckend zu wirken.
»Zu mir nach Hause ist kompliziert.«
»Wieso?«
Mark klopfte dreimal mit dem Ring an die Scheibe. Der Beamte senkte den Blick und schien zu begreifen.
»Also sind wir uns einig?«
Der Beamte füllte die für amtliche Eintragungen vorgesehenen Kästchen in den Formularen aus. »Neunzehn Euro«, sagte er.
Mark zahlte und spürte, wie ihm der Schweiß über den Rücken rann. Der Asiat reichte ihm mehrere Quittungen:
»Wenn Sie die Post abholen kommen, bringen Sie jedes Mal den Ausweis der Dame mit. Ohne Pass kein Brief. Ist das klar? Und kommen Sie zu mir: Ich bin für postlagernde Sendungen zuständig.« Er zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Mark hätte frohlocken sollen, als er wieder draußen vor dem Postamt stand, doch er empfand nur ein dumpfes, quälendes Unbehagen bei dem Gedanken, wie es jetzt weiterging.
Vom 1. März an suchte er jeden Morgen das Postamt auf.
Das war natürlich absurd: Von Paris nach Malaysia brauchte ein Brief mindestens zehn Tage. Dann würde die Gefängnisverwaltung sicher alle Sendungen eine Zeit lang lagern, ehe sie den Häftlingen ausgehändigt wurden. Danach, falls sich Jacques Reverdi tatsächlich entschließen sollte zu antworten, müsste er weitere zehn bis fünfzehn Tage warten, bis der Brief bei ihm eintraf. Insgesamt also mehr als drei Wochen – optimistisch gerechnet. Er hatte seinen Brief aber erst am 20. Februar abgeschickt.
Dennoch zog es ihn gleichsam mit magnetischer Kraft allmorgendlich in die Rue Hippolyte-Lebas. Der Postbeamte – er hieß Alain und stammte aus Vietnam – war gegenüber seinem regelmäßigen Besucher ziemlich locker geworden und erlaubte sich sogar den einen oder anderen Scherz. » Bonjour mademoiselle! «, krähte er, wenn er Mark auftauchen sah. Oder er richtete sich hinter seiner Glasscheibe auf und forderte in barschem Polizeiton: »Ausweispapiere bitte!«Seine Witzeleien klangen hohl.
Die Tage vergingen, doch eine Antwort blieb aus.
In der Redaktion erledigte Mark den Alltagskram, ohne übermäßigen Eifer an den Tag zu legen. Er berichtete über diverse Kriminalfälle, darunter einige skurrile Gestalten wie den Würger von Pas-de-Calais, den Vergewaltiger im Citroën …Unterdessen nahm in der Zeitung die Motivation allgemein ab. Die Verkaufszahlen sanken rapide, Verghens’ Vorhersagen erwiesen sich als richtig: Jeden Tag drohte im Irak der Krieg auszubrechen, die Leser interessierten sich nur noch dafür und verfolgten den Countdown mit angehaltenem Atem. In Krisenzeiten lässt die Lust des Publikums an Gewalt und Verbrechen stark nach: Die Bedrohung der Gegenwart reicht.
Am 9. März hatten die Amerikaner noch immer nicht mit der Bombardierung begonnen.
Mark hatte noch immer keine Antwort erhalten.
Am selben Abend suchte er Vincent auf.
Um zwanzig Uhr betrat er das Fotostudio, wo der Künstler mitten in einer Session war: Er fotografierte ein Nachwuchsmodel, das
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