Das Schweigen des Sammlers
Fünfzig-Dukaten-Münze aus dem sechzehnten Jahrhundert zum Beispiel, die heute Millionen wert ist, stammt von dort und hat mich einen schönen Batzen gekostet. Oder die fünf in Perpignan geprägten Goldflorin aus der Zeit Jaumes III. von Mallorca – die habe ich auf anderen Versteigerungen oder durch wilde Tauschgeschäfte erworben, bei denen man sich mit anderen besessenen Sammlern austauschte oder den Sprung ins Nichts wagte. Was für eine Lust, sie zu betasten und klingen zu hören. Wenn ich die Münzen in der Hand hielt, fühlte ich mich in die Zeit zurückversetzt, als mein Vater mir seinen Vortrag über Vial und die verschiedenen Musiker hielt, die die Geige im Laufe ihres Lebens begleitet und ihr gedient hatten, die versucht hatten, ihr ihren schönsten Klang zu entlocken, sie respektierten und verehrten. Oder die wunderschönen dreizehn Louis d’Or, die in meiner Hand das gleiche klingende Geräusch machen, das den alten Guillaume-François Vial beruhigte. Obwohl es gefährlich war, die Storioni bei sich zu behalten, hatte er sie in sein Herz geschlossen und wollte sich nicht von ihr trennen, bis ihm zu Ohren kam, Monsieur La Guitte habe das Gerücht ausgestreut, eine Geige des berühmten Lorenzo Storioni stehe möglicherweise im Zusammenhang mit dem Jahre zuvor begangenen Mord an Monsieur Leclair. Da begann ihm die geliebte Geige die Finger zu verbrennen, und sein geheimer Besitz wurde zu einem Albtraum. Er beschloss, sich ihrer weit weg von Paris zu entledigen. Als er aus Antwerpen zurückkam, wo er sie samt dem Geigenkasten mit dem schrecklichen Blutfleck von Tonton Jean sehr zufriedenstellend hatte losschlagen können, war aus der Geige ein beruhigender Ziegenlederbeutel voller Louis d’Or geworden. Was für einen schönen Klang dieser Beutel hatte. Er dachte, dass der Beutel seine Zukunft war, seine Zuflucht, sein Triumph über Tonton Jeans Unverschämtheit und Eitelkeit. Jetzt konnte ihn niemand mehr mit der Geige in Verbindung bringen, die ein Heer Arcan aus Antwerpen erworben hatte. Und nach all dem klangen die Louis d’Or, wenn ich sie in der Hand hielt.
»Willst du mit mir nach Rom kommen?«
Überrascht sah Laura ihn an. Sie standen im Kreuzgang der Fakultät, er mit den Händen in den Hosentaschen, sie mit einer vollen Arbeitsmappe im Arm, mit der sie aussah wie eine Verteidigerin, die auf dem Weg in den Gerichtssaal ist, um einen schwierigen Fall zu lösen. Ich betrachtete ihren unglaublich blauen Blick. Laura war inzwischen keine wissbegierige Studentin mehr, sondern eine bei den Studenten ziemlich beliebte Dozentin, hatte aber ihren blauen Blick und ihre verborgene Traurigkeit beibehalten. Und Adrià betrachtete sie voller Ungewissheit, und dein Bild, Sara, vermengte sich mit dem Bild dieser Frau, die, soweit ich das beurteilen konnte, kein sehr glückliches Händchen bei der Auswahl ihrer Liebhaber hatte.
»Wie bitte?«
»Ich muss nach Rom, etwas erledigen … Fünf Tage höchstens. Nächsten Montag könnten wir zurück sein, sodass du deinen Unterricht nicht ausfallen lassen müsstest.«
Tatsächlich war das Adrià spontan eingefallen, nachdem er seit Tagen vergeblich überlegt hatte, wie er dem blauen Blick näherkommen könne. Ich hätte gern den ersten Schritt getan, wusste aber nicht, wie. Und ich wagte nicht, mich zu entscheiden, weil mir das wie Verrat an deinem Andenken erschien. Und nun dieser verrückte Einfall. Der blaue Blick lächelte, und Adrià dachte, ob es wohl einen Moment gab, in dem Laura nicht lächelte. Und als sie sagte, in Ordnung, dann mal los, war er völlig überrascht.
»Dann mal los womit?«
»Ich komme mit dir nach Rom.« Sie sah ihn verwundert an. »Das hattest du mich doch gefragt, oder?«
Beide lachten, und er dachte, du lässt dich schon wieder auf eine Affäre ein, dabei weißt du nichts über Laura, außer dass sie einen blauen Blick hat.
Beim Start und bei der Landung griff sie zum ersten Mal nach seiner Hand, lächelte verlegen und gestand, ich habe Flugangst, und er sagte, das hättest du mir doch vorher sagen können. Sie zuckte die Achseln, wie um zu sagen, ist nicht so wichtig, und er interpretierte die Geste als, die Flugangst nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dafür mit dem Ardèvol nach Rom fliegen kann; und ich war ziemlich stolz auf meine Verführungskünste, liebste Sara, auch wenn sie nur auf eine junge Dozentin wirkten, die das Leben noch vor sich hatte.
Rom war kein Vergnügen, sondern ein Moloch, ein einziges Verkehrschaos,
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